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Donnerstag, 10. Juli 2014

Klangexperimentelles Gedankencluster – Manos Tsangaris' Karl-May-Oper „Raum der Wahrheit“ in Dresden


„Legt es opernhaft an, denn die beste Form, um extreme, übermenschliche Gefühle auszudrücken, ist die Oper!“, soll der berühmte US-amerikanische Komponist, Dirigent und Pianist Leonard Bernstein (1918-1990; => Homepage) einmal sinngemäß gesagt haben. Extreme, übermenschliche Gefühle, ja, aber ist die Oper auch die beste Möglichkeit, um freie, überbordende und überschäumenden Gedanken und Gedankenfetzen zum Klingen zu bringen? Um diese Kernfrage kreist das neue Experiment, das, im Auftrag der Semperoper (=> Homepage) in Dresden in den vergangenen Wochen auf der Probebühne von Semper 2 gewagt worden ist. Drei namhafte Initiatoren setzten sich zusammen, um ein äußerst idealistisches Projekt ins Leben zu rufen, nämlich die erste Oper der Musikgeschichte, die sich mit dem sächsischen Volksschriftsteller Karl May (1842-1912) auseinandersetzt unter dem Titel: „Karl May, Raum der Wahrheit“
 


„Wir wollten keinen Roman von May zur Oper werden lassen“, erinnert sich der Lyriker, Essayist und Romancier Marcel Beyer (*1965), der das Libretto schrieb, an die Anfänge, „wir wollten uns auf ihn als Person konzentrieren.“ Zu dem Wir gehören noch der verantwortliche Theaterregisseur, Autor, Dramaturg und Schauspieler Manfred Weiß (*1958; => Homepage), die Dramaturgin Valeska Stern und natürlich der Komponist, Musiker, Installations- und Performancekünstler und Lyriker Manos Tsangaris (*1956; => Homepage), den man mit der musikalischen Umsetzung des Librettos beauftragt hatte:  „(...) selbst wenn vielleicht bestimmte Aspekte von Figuren vor allem in ihrer äußerlichen Erscheinungsweise überzeichnet oder bewusst sehr scharf gezeichnet sind, (...), war ja für uns alle die Voraussetzung, Karl May als Figur, als Mensch, als Biographie ernstzunehmen. Und das heißt, da hätte sich jede Art von Stilkopie verboten.“ Noch unter der Federführung der ehemaligen Intendantin der Semperoper, Frau Dr. Ulrike Hessler (1955-2012), begann also die Gruppe bereits 2010 mit der Umsetzung des Werks, dass von vornherein als sehr gewagt eingestuft wurde. Erstens ist das Thema „Karl May“, trotz der räumlichen Nähe zu Radebeul und zum Erzgebirge in dieser Form noch nie angegangen worden, zweitens ist die künstlerische Umsetzung, sowohl vom Libretto als auch von der Partitur her sehr avantgardistisch. Dem Zuschauer und Zuhörer wird zugemutet, die gewohnten Seh- und Hörgewohnheiten gänzlich aufzugeben und sich auf ein zirka einstündiges fünfdimensionales Erlebnis einzulassen, was aber gerade durch seine extravagante Ungewöhnlichkeit in seinen Bann zu ziehen weiß.
 



Bühne und Zuschauerraum bilden eine quadratische Einheit. In der Mitte sitzt ein dünn besetztes Kammerorchester. Ringsherum sind Bühnenteile in unterschiedlichen Höhen gebaut, so dass sich der Eindruck einer unebenen Landschaft, ja, man ist fast versucht, von Kraterlandschaft zu sprechen, aufdrängt. An der Decke darüber ist eine gerahmte Leinwand gespannt, die, mal mit Schwarzlicht, mal ergänzenden historischen Filmausschnitten und Bildern des Bühnengeschehens, vor allem dessen, was am Schreibpult verfasst wird, das Geschehen konterkariert und so wie ein Dimensionsbrecher wirkt: Diesseits Ardistan, jenseits Dschinnistan und das Bühnengeschehen als die Geisterschmiede von Märdistan. Um diesen Bühnenaufbau herum sind die Stuhlreihen für das Publikum angeordnet. Wer nun hinter diesen Stuhlreihen eine Wand vermutet, der irrt sich allerdings gewaltig, denn jenseits der gewaltigen, mit wildromantischen Naturdarstellungen Nordamerikas bemalten Stoffbahnen gibt es noch eine Welt, eine mystische Welt der Geister, die sich ständig bemerkbar macht. Der Chor bewegt sich nämlich hinter diesen Stoffwänden und singt und spricht aus dem Off, also quasi eine Adaptation einer Filmtechnik für die Theaterbühne, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Choristen übernehmen diverse Standrollen, die als Stilleben hinter der Kulisse gestellt und geisterhaft in manchen Szenen punktuell durch den Stoff sichtbar werden.
 



Der Chor, der angelehnt an die aristotelische Dramentheorie sich kommentierend und wertend dem Geschehen auf der Bühne widmet, agiert sowohl hinter den Kulissen als auch davor auf den Bühnenteilen, wo sich insgesamt fünf Darsteller ihren Rollen widmen. Es gibt gleich drei Karl Mays, einen jungen (Rainer Maria Röhr), einen alten (Julian Arsenault) und einen, der schlicht mit „Karl May spricht/schreibt“ bezeichnet wird (Julian Mehne). Diesen Reigen ergänzen prächtig die beiden Ehefrauen Mays, Emma Pollmer (Julia Mintzer) und Klara Plöhn (Romy Petrick). Diese fünf Sänger agieren rein klassisch in der Verwendung ihrer Stimmen, eine Reminiszenz an die große Gesangstradition der Semperoper, die den „Raum der Wahrheit“ dann doch in eine gewisse zeitliche Nähe zum 19. Jahrhundert rückt, wobei es allerdings dann auch bleibt, denn das Orchester, das unter der hervorragenden Leitung seines Dirigenten Erik Nielsen steht, schöpft alle Mittel der sogenannten neuen Musiksprache aus. Wer hier schwungvolle Melodien und eine harmonische Klangstruktur erwartet, ist fehl am Platz, vielmehr bestechen die Musiker durch das Erzeugen von Geräuschen und Klangclustern, die das Geschehen wunderbar illustrieren und einen dramaturgisch wichtigen und spannungserzeugenden Kontrast zu den rein klassischen Solostimmen bilden – eine notwendige und produktive Reibung. Eine überragende Leistung von Sängern und Musikern, ein großes Lob an alle Beteiligten und vor allem den musikalischen Leiter, der es durch sein ruhiges, besonnenes Dirigat immer wieder versteht, dieses schwierige, vertrackte Zeugs zu meistern und zu wunderbarem Bühnenleben zu erwecken.
 


Dem Zuschauer bleibt im Rahmen dieses Bühnengesamtkonzepts eine Verortung des eigenen Selbst versagt. Länge, Breite, Höhe, Zeit und Transzendenz verschwimmen zu einem transdimensionalen Cluster, in dem das Publikum absolut integriert als pars pro toto mitspielt. Der „Raum der Wahrheit“ oder vielmehr der Raum, in dem sich Wahrheiten abspielen, Wahrheiten stattfinden, Wahrheiten gesucht und gefunden werden, weist, trotz Verschmelzung von Realität und Fiktion mit unverhohlenem Zeigefinger in die Zukunft des Theaters und Musiktheaters. Wenngleich der May-Kenner nichts wirklich Neues erfährt, keinerlei neues Licht auf seinen verehrten Schriftsteller geworfen sieht, so wird ihm doch drastisch Mays Schwäche und seine psychische Problematik vor Augen geführt. Wie sieht es in einem pseudologischen Phantasten aus? Wie fühlt ein Mensch, der Realität und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten kann? Befindet sich dieser Mensch nicht in einem andauernden Zustand der inneren Auflösung, des ständigen Verlusts von Grenzen und bewussten Übergängen? Wie empfindet er sich im linearen Zeitstrom der eigenen Existenz selbst? Begegnet er der eigenen Vergänglichkeit und auch der trügerischen Verblendung eines auf Selbstäuschung aufgebauten Erfolgs?
 


Konsequent ist dann das kurze Libretto von Marcel Beyer, dessen Prägung durch Friederike Mayröcker (*1924), über die er auch seine Magisterarbeit geschrieben hat, unverkennbar ist, auch ohne Handlung. In zwölf Bildern konfrontiert der Autor in Verbindung mit der Musiksprache den Rezipienten mit verschiedenen Grundkonzepten des May'schen Schriftstellerlebens – oder sollte man besser sagen Schriftstellerdaseins? Der Kreislauf von Leben und Sterben, der Sprachverlust des alten May und der neologistische Erfindungsreichtum des jungen Autors, die Phantasmen der großen Pläne, die May immer wieder schmiedet, die Old-Shatterhand-Legende, sächsische Séancen und der darin zum Ausdruck kommende Hang zum Spiritismus – im übrigen ein Phänomen der Zeit, nicht nur der May'schen Biographie, der zum Beispiel auch der britische Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930), der Erfinder Sherlock Holmes' anhing – die grausamen, lebenszerstörenden Angriffe auf den alten Mann, den Publikumsliebling, die Auslandsreisen in den Orient und nach Nordamerika, die damit verbundene Konfrontation mit der historischen Wirklichkeit und schließlich das Aufkommen des neuen Mediums Film als große Konkurrenz zum Buch sind die Themen des Textbuchs, das in der Gestalt eines großen dramatischen Gedichts daherkommt. Allerdings nicht als lyrische Reminiszenz auf das 19. Jahrhundert, sondern als kurze, im wahrsten Sinne des Wortes „verdichtete“ aus einzelnen Worten und verknappten Satzteilen bestehendes Sprachcluster. Modern, gewagt, avantgardistisch, mutig, aber genialisch und zukunftsweisend.
 



Das Libretto wurde dann auch komplett dem hübsch und mit viel Verve erstellten Begleitheft beigegeben. Und dieses Heft ist ein kleines Kunstwerk für sich. Eigentlich ein riesengroßes Faltblatt, doppelseitig bedruckt mit vielen wichtigen Informationen in unterschiedlicher Druckanordnung. Eben ein Spiegelbild der Stück-, Bühnen-, Regie- und Musikomposition.
 
v.l.n.r.: Manfred Weiß (Regie), Marcel Beyer (Libretto), Manos Tsangaris (Komposition)


Im Anschluss an dieses außergewöhnliche Musiktheatererlebnis traf man sich noch zu einem kurzen Interviewgespräch am runden Tisch. Die Mitschrift dieses Gesprächs mit den „originellen, originären Köpfen“, den Machern und Erfindern dieser ersten Karl-May-Oper, ist hier nachzulesen.


Was bleibt am Ende noch zu sagen? Die Semperoper hat mit der Verwirklichung dieses Projekts ein großes Wagnis auf sich genommen, ein finanzielles Risiko, denn die Oper wird mit Sicherheit kein Publikumsliebling werden. Jedenfalls noch nicht in der heutigen Zeit. Zu speziell ist das Thema, zu ungewöhnlich und eigen die musikalische Umsetzung. Das Gros der üblichen Opernbesucher wird mit einem solchen Werk wenig anfangen können, da gibt es keine Ohrwürmer, keine den Ohren schmeichelnden Harmonien, keine Katharsis auslösende dramatische Handlung. Es ist intellektuelles Musiktheater, ein Stück, zu dessen Verständnis Hintergrundwissen bitter nötig ist und selbst eingefleischte Fachleute müssen sich intensiver damit befassen um entsprechende Ansatzpunkte zu entdecken. Aber das Gesamterlebnis ist ein alle Sinne ansprechender, transdimensionaler, transmedialer Genuss für all jene, die die Bereitschaft mitbringen, sich darauf wirklich offen einzulassen. Und ihrer möge es in Zukunft noch viele geben, denn verdient hätte es das Stück, aber es wird wohl das Schicksal vieler solcher moderner Arbeiten ereilen, nämlich eingepackt im Fundus vergessen zu werden. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich ja zuletzt – oder nie, wie Karl May.

(Anmerkung: DRESDENEINS.TV hat einen vierminütigen Bericht zur Oper gebracht. Dieser kurze Filmbeitrag konnte nicht direkt in den Blog eingebettet werden. Daher hier der Link. Da ich nur vor und nach der Aufführung Fotos schießen durfte, gibt es hier leider keine Szenenfotos. Diese können aber in einer kleinen Auswahl direkt auf der Internetseite der Semperoper eingesehen werden. Hier geht es direkt zur Premierendetailansicht.)

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