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Sonntag, 15. Januar 2017

Das »ICH« in tausend Gestalten – Philipp Stölzls »Der Phantast oder Leben und Sterben des Dr. Karl May« im Staatsschauspiel Dresden

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»Oh, it’s something totally different!«
Der sympathische Albaner mit den markanten Gesichtszügen, der Wollmütze und dem Dreitagebart lacht, als ich ihn nach dem Unterschied zwischen dem soeben gesehenen nagelneuen Theaterstück »Der Phantast oder Leben und Sterben des Dr. Karl May« und den neuen Winnetou-Filmen frage. Und recht hat er. Es ist etwas ganz anderes. Ich habe ihn kurz vorher im Foyer des Staatsschauspiels in Dresden (=> Homepage) gesehen und angesprochen, denn er ist ja seit kurzem kein Unbekannter mehr und seit Weihnachten 2016 in aller Munde: Nik Xhelilaj (*1983), der neue Winnetou. Wir unterhalten uns auf Englisch. Das Deutsch des so smarten und bescheiden auftretenden Stars ist noch nicht so gut. Xhelilaj betont immer wieder, dass er Karl May vorher gar nicht kannte und immer noch nicht wirklich kennt. Er hat in Tirana Schauspiel studiert und in der Türkei in Jugendfilmen und Soaps einige Erfolge verbuchen können. Regisseur Philipp Stölzl (*1967) hat ihn eingeladen, der den dreiteiligen Fernsehfilm »Winnetou - der Mythos lebt« genauso zu verantworten hat wie die aktuelle Theaterproduktion, bei deren Uraufführung ich nun dabei sein durfte. Und noch einmal Karl May (1842-1912)? Darüber wird an anderer Stelle noch zu reden sein. 

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Wie bereits schon 2014 bei der Karl-May-Oper »Raum der Wahrheit« von Manos Tsangaris (*1956; => Homepage) und Marcel Beyer (*1965; Büchner-Preisträger 2016) bin ich eigens dafür nach Dresden gereist und diese Fahrt hat sich wirklich gelohnt. Nicht nur, dass ich zufällig direkt neben Philipp Stölzl zu sitzen kam und somit die Ehre hatte, an seiner Seite, zur Rechten des Regisseurs also, die Inszenierung verfolgen zu können, nein, ich denke, ich habe das wohl beste Stück seit Jahren gesehen. Und ich komme nun wirklich selten ins Schwärmen. Denn Schwärmen hat immer so etwas Zweischneidiges an sich. Denn lobt man zu sehr, gerät man leicht in den Ruf, in irgendeiner Art und Weise befangen und nicht mehr objektiv zu sein. Man wird in eine Schublade mit all denen gesteckt, die nur um des eigenen Vorteils willen eine Laudatio oder einen Verriss schreiben und nicht um des Stücks und der Kunst willen, wie es ja eigentlich sein sollte. Darüber hinaus ist das Aufdecken vieler negativer Aspekte immer einfacher zu fassen als das Beschreiben eines nahezu perfekten Projekts.
 


Dennoch, so viel sei schon von vornherein gesagt, es war einfach großartig. Es hat eine Menge in mir bewegt, mich wieder mit vielen Dingen rund um Karl May versöhnt und somit, und das halte ich für das Wichtigste überhaupt, mir nach all den Jahren wieder einmal ganz bewusst vor Augen geführt, was mich an den Werken und dem Leben des großen sächsischen Volksschriftstellers so begeistert und fasziniert, dass ich ihm, mit einigen wenigen Unterbrechungen, seit frühester Kindheit die Treue halte. Denn wie schrieb Karl May einst so schön:
»Zufall oder Schickung? Lieber Leser, was von diesen beiden ist wohl richtig? Hoffentlich gehörst du nicht zu denjenigen, welche an den ersteren glauben, sondern zu denen, welche wissen, daß, wie die heilige Schrift sagt, kein Haar ohne ›Seinen‹ Willen von unserem Haupte fällt.« (KMW-IV.26, 323) 
Doch schön der Reihe nach.
 

»Man wird noch ganz andern und viel größeren Unsinn über mich schreiben und auch drucken; (...) Ich fordere aber, dass der, welcher mich kritisiert, mich nicht nur gelesen, sondern studiert hat, und zwar von der ersten bis zur letzten meiner Arbeiten, die so organisch zusammenhängen, dass sie nur im Ganzen zu beurteilen sind.« (May, Karl: May gegen Mamroth. Antwort an die ›Frankfurter Zeitung‹. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1974, Hamburg 1973, S. 131-152 (135)))
»Studiert« haben die Macher des Stücks ihren May ganz hervorragend. Neben Stölzl, der die Idee lieferte und die Regie übernahm – seine zweite May-Arbeit nach dem Weihnachtsdreiteiler –, fungiert der Komponist, Dramaturg und Dirigent Jan Dvořák (*1971; => Homepage) als Autor des Stücks. In Zusammenarbeit mit Heike Vollmer (Bühne; => Homepage), Kathi Maurer (Kostüm; => Homepage), Thomas Mahn (Musikalische Leitung), Michael Gööck (*1959, Licht; => Homepage), Beate Heine (*1964) und Julia Fahle (*1985) (beide Dramaturgie) legt man hier eine weit ausgreifende, am May’schen Originaltext – sowohl Werk als aus Briefwechsel und entsprechende andere Quellen mehr – ausgerichtete, von menschlichem Verständnis für den aus armen Verhältnissen stammenden Autor zeugende, zutiefst gereifte Verdichtung seines Lebens und Strebens vor, in der alles glückt, weil alles stimmt.
 
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Zeitlich orientiert man sich am Zeitraum 1890 bis 1912. Man zeigt »Dr.« Karl May auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft genauso wie auf dem »absolut highest peak of his decline«, um ein Wort des berühmten amerikanischen Musikers Leonard Bernstein (1918-1990) zu bemühen. Dabei verbeugt man sich vor den großen Vorgängern in der Aufarbeitung des Lebens von Karl May – wie zum Beispiel Hans-Jürgen Syberberg (*1935), dessen Kunstfilm »Karl May« (1974) direkt in der Eröffnungssequenz eine bildliche Reminiszenz erfährt – genauso, wie vor berühmten filmischen Umsetzungen seiner Werke im Allgemeinen.



Das Grundkonzept bildet hierbei das Ineinandergreifen von literarischer und biographischer Realität, das zu einem Sud von phantastischen Ereignissen collagiert, der nicht nur den Autor May, sondern auch sein Umfeld, insbesondere seine erste Ehefrau Emma, geborene Pollmer (1856-1917), in den Strudel des depressiven, desperaten Wahnsinns zieht. Denn der Ich-Erzähler Karl May ist nicht nur eine einzelne authentische Person, er erschafft sich immer wieder in anderen Rollen neu. Wer ist also dieser Karl May und wenn ja, wie viele, muss man in Anlehnung an Richard David Precht (*1964; vgl. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?, Goldmann: München 2007) fragen. Ist er tatsächlich ein pseudologischer Phantast und wenn, wie äußert sich das sogenannte Münchhausen-Syndrom bei ihm? Wie stellt man so etwas dar, wenn der Protagonist Realität und Phantasie nicht mehr wirklich auseinanderzuhalten vermag? Ein ähnliches Konzept verfolgte ich bereits 2012 mit meiner szenischen Collage »Rosensieg. Der Tod Old Shatterhands«, die ich anlässlich des Karl-May-Gedenkjahres schrieb, und die den Todestag Mays zeigt.



Alles beginnt im Nebel seiner Reiseerzählungen mit der Eröffnungssequenz von Band 1 »Durch die Wüste« und endet auch wieder im Nebel, allerdings dieses Mal im mystischen Nebel des »trivial verklärten Sterbens« (Hart Nibbrig, 1995). Karl May stirbt in Winnetous Armen dessen Tod, genauso wie früher in der Handlung Winnetou in seinen Armen. Er wird also noch im Tod von seiner eigenen idealisierten Schöpfung umfangen. Eine herrliche, tiefbewegende Idee, die die Schlusssequenz des Syberberg-Films zunächst konterkariert, dann aber überhöht und zu neuen »lichten Höhen« führt.
 
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In dieses literarisch-phantastische Geschehen greift die harte biographische Wirklichkeit auf zwei Arten ein: zum einen entpuppen sich die literarischen Gegner als wirkliche und wahrhaftige Feinde, die sich leider nicht so leicht abschütteln oder besiegen lassen, wie in seinen Büchern – auch hier zeigt das Stück die berühmte Schmetterfaust Old Shatterhands in geradezu zynischer Überspitzung, wenn damit seine Gegner scheinbar zu Boden gestreckt werden –, und zum anderen ist da sein Arbeitszimmer und seine realen Gegebenheiten, die sich aus dem Bühnenhinterhalt an seine erdachten Seelenhandlungen anschleichen und ihn so immer wieder in seinem andauernden Phantasietrip unterbrechen.
 
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Die große Tragik dieser letzten Lebensjahre, die durch die schockierende Wirklichkeit der Orientreise 1899/1900 eingeleitet wird – der Orient stinkt, aus Hassan wird Seijid Omar –, sich in der Trennung von Emma entlädt, die letzten großen Kämpfe, die gegen seine juristischen Gegner in zahllosen Prozessen geführt werden – auch das wird famos und brillant inszeniert, indem ihn seine Gegner einkesseln, seine Erklärungen, seine »Beichte« verlachen und ihm seine Bücher, seine Werke, gerade zu um die Ohren hauen – und schließlich der größte Triumph, des todkranken Dichters, sein Vortrag »Empor ins Reich der Edelmenschen«, den er im Wiener Sophiensaal am 22. März 1912, acht Tag vor seinem Tod, hält, alles ist enthalten, alles entfaltet sich und bleibt dabei doch keine zusammenhanglose und somit zur Belanglosigkeit verdammte Aufzählung von Fakten, sondern vermischt sich zu einem großen (Alp)»Traum eines Lebens«, zum »Leben eines Träumers« (Battaglia, 1931), eines Phantasten, »des (vor)letzten Großmystikers unserer Literatur« (Schmidt 1956/1957), des ICHs in tausend Gestalten (vgl. Joseph Campbell (1904-1987): Der Heros in tausend Gestalten, 1949).



Dieses szenisch-dialogische Grundgerüst geht dann eine wunderbare Symbiose mit der Musik ein, die ja auch des Dichters große Leidenschaft war. Es sind neben dem deutschen Volkslied »Kein schöner Land in dieser Zeit« (1840) vor allem sein »Ave Maria« (1883), das, von einem »Männergesangverein« (Jörg Birkenbusch, Peter Cassier, Albrecht Ernst, Tobias Ernst, Julius Evers, Andreas Hubricht, Friedemann Jäckel, Oliver John, Hartmut Kunze, Dieter Leffler, Robert Müller, Thomas Sauer, Martin Zitzmann) auf der Bühne stimmlich hervorragend intoniert, die Gestaltung einzelner Szenen intensiviert und von einem melancholisch-rauen Solocello (Christoph Hermann, Dietrich Zöllner), das die Erinnerung an Ernest Blochs (1880-1959) Rhapsodie »Schelomo« (1916) wachruft, unterstützt wird. Ebenso erklingt, leider nur kurz, eine Vertonung des Gedichts »Kennst du den unergründlich tiefen See«. Ähnlich wie bei Richard Wagner (1813-1883) ist aber die Musik hier nicht bloße Begleitung. Sie kommentiert vielmehr leitmotivisch das Geschehen, mal ironisch, mal dramatisch, ganz im Stil des Chores der Griechischen Tragödie. Sophokles, Aischylos und Euripides hätten ihre helle Freude daran gehabt.



Viel zu verdanken hat das Stück natürlich den Schauspielern, die alle, ohne Ausnahme, ganz ausgezeichnet aufgelegt waren und eine wirkliche Glanzleistung abgeliefert haben. Sie spielten so frisch und intensiv, dass dieser doch im eigentlichen recht trockene und ernste Stoff dem Publikum so manchen lauten Lacher entlockte und auch leicht und natürlich den gegenteiligen Katharsis-Effekt, freilich ohne zu dick aufzutragen, erzeugen konnte.


Als Dr. Karl May glänzte der 1963 in Pirna geborene deutsche Schauspieler Götz Schubert, der auch aus vielen Film- und Fernsehproduktionen bekannt ist, und dem man den Karl May in jeder Minute, ohne zu zögern, abnahm. Er war so sehr in der Rolle, dass er noch im Schlussapplaus den May nicht wirklich ablegen konnte.
 
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Im zur Seite standen Nele Rosetz (*1972) als verstörte, unglückliche Emma May, geborene Pollmer, die das pathologische Moment der ersten Ehefrau Mays differenziert herausarbeitete, Laina Schwarz (*1982; => Homepage) als jugendlich frische Klara May, verwitwete Plöhn, die eine gewisse Hörigkeit dem alternden Dichter gegenüber geradezu unschuldig mimte, Ahmad Mesgarha (*1963; => Homepage), der als Winnetou in der eigentlich recht kleinen Rolle doch eine schier überwältigende Bühnenpräsenz besaß und einen echten, wahren, ultimativ may’schen Winnetou verkörperte und darüber hinaus stimmlich sehr passend agierte, sowie in weiteren Rollen als Sadek, Polizisten, Kritiker, Wirt, Fotograf, Hadschi Halef Omar usw. Sebastian Pass (*1977; => Homepage), Simon Käser (*1986) und Alexander Angeletta (*1990). Minutenlanger begeisterter Beifall belohnte dann auch die große schauspielerische Leistung der Darsteller, die immer wieder herauskommen mussten, um im frenetischen Applaus ihres Publikums zu baden.
 
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Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es doch möglich ist, Karl May als ernsthafte und ernstzunehmende Bühnenfigur auf dem Theater zu etablieren und dass man es so anstellen kann, dass es frisch, dynamisch und attraktiv so ans Publikum gebracht wird, dass es diesem zu keinem Zeitpunkt während der ohne Pause durchgespielten zwei Stunden langweilig wurde, und, was noch viel wichtiger ist, dass es von jedermann gut verstanden werden konnte, nicht nur von Karl-May-Fachleuten, was wiederum das Interesse an Person, Leben und Werk neu wecken bzw. steigern dürfte.

mit Nik Xhelilaj


Philipp Stölzl ist hier ein absolutes Meisterwerk geglückt, dass allerdings nach reiflicher Überlegung und einigermaßen kritischer Betrachtung die Frage aufwirft, welchen Stellenwert die drei neuen Winnetou-Filme im Schaffen eines derart genialen Regisseurs in Zukunft einnehmen werden, die ja, abgesehen mal davon, dass sie natürlich eine ganz andere Kunstform darstellen, vom Niveau und der Qualität meilenweit von dem entfernt sind, was er mit »Der Phantast« auf die Beine gestellt hat. Meine diesbezügliche Frage quittierte Stölzl im Anschluss an das Stück mit einem süffisanten Lächeln und der kryptischen rhetorischen Frage »Vielleicht sollte ich doch besser Theaterregisseur werden?«, wonach er hochzufrieden, wie es schien, sich in die Premierenfeier verabschiedete.



Die kleine Gruppe von Karl-May-Freunden, die sich im Anschluss noch auf einen Absacker stilecht in der Karl-May-Bar traf, und der ich mich spontan anschloss, war sich jedenfalls absolut einig und voll des Lobes. Geäußert wurde auch die Hoffnung, dass dieses Stück bitte auf Tournee durch ganz Deutschland und das deutschsprachige Ausland gehen möge, denn das haben die Macher und die Darsteller sich verdient. Und wenn, angesichts unserer unverdrossen regietheaterversessenen modernen Theaterlandschaft ein solches Stück keine Chance erhielte und keinen großen Zuspruch erführe, dann wäre das nicht nur sehr schade, es wäre ganz allgemein kein gutes Aushängeschild für die bedrohte Kulturinstitution Theater. Hoffen wir, dass dieser Wunsch Gehör findet und man dieses Stück bald schon auf vielen Bühnen wieder und immer wieder zu sehen bekommt.


Donnerstag, 8. Dezember 2016

Vom mystischen Klang des Llano estakado – OHRENKNEIFER präsentiert UNTER GEIERN



Etwas über ein Jahr ist es jetzt her, dass ich an dieser Stelle das erste Karl-May-Hörspiel vom OHRENKNEIFER-Label vorstellte und besprach. Damals hieß es, es werde erstmal keine weitere Karl-May-Adaption geben, man scheue sich davor, Serien zu produzieren, da man sich den Zwängen eines solchen Unterfangens nicht aussetzen wollte. Nun, es mag wohl dem großen Erfolg und dem vielen positiven Zuspruch geschuldet sein, ganz sicher aber auch dem großen Lob für »Old Firehand« (2015), das vor allem auch aus der Karl-May-Szene kam, dass ich nun hier mit der neuesten Produktion von Dirk Hardegen (*1969) und seinen Mitstreitern in den Händen halten darf. Denn es ist wieder ein Karl May geworden.
Dieses Mal handelt es sich um eine Umsetzung des berühmten Jugendromans »Der Geist des Llano estakado«, die der Mayster zwischen Januar und September 1888 für Spemanns Illustrierte Knabenzeitschrift »Der gute Kamerad« schrieb. 1890 wurde »Der Geist des Llano estakado« dann zusammen mit der ein Jahr früher (1887) entstandenen Erzählung »Der Sohn des Bärenjägers« unter dem Reihentitel »Die Helden des Westens« in Buchform herausgebracht. Wer den Text heute genießen will, greift am besten zu Band 35 »Unter Geiern« der Gesammelten Werke Karl Mays im Karl-May-Verlag, Bamberg. Allen anderen, vor allem den wissenschaftlich Interessierten und den Liebhabern der Sprache und des Duktus des ausgehenden 19. Jahrhunderts, seien die zahlreichen Reprints wärmstens ans Herz gelegt.
In diesem Jugendroman spielt der Schauplatz, der wilde Llano estakado eine wichtige Rolle. May beschreibt ihn so:
Zwischen Texas, Neu-Mexiko, dem Indiana-Territorium und dem nach Nordosten streichenden Ozarkgebirge liegt eine weite Landesstrecke, über welche die Natur nicht weniger Schauer gelegt hat, als wie dergleichen die asiatische Gobi oder die afrikanische Sahara dem Menschen furchtbar machen. Kein Baum, kein einsamer Busch giebt dem brennenden Auge einen willkommenen Anhaltepunkt; kein Hügel, keine einzige namhafte Erhöhung unterbricht die todesstarre, eintönige Ebene; kein Quell erquickt die lechzende Zunge und bringt Errettung vor dem Verschmachten, dem Jeder anheimfällt, der aus der Richtung geräth und den Weg verfehlt, welcher nach den Bergen oder einer der grünenden Prairien führt. Sand, Sand, wieder Sand und nichts als Sand ist hier zu sehen, und nur zuweilen stößt der kühne Jäger, der sich in diese Oede wagt, auf eine Strecke, welcher ein vorübergehender Regen eine scharfe, stachelige Kaktusvegetation entlockt hat, die der Fuß meidet, weil sie ihn verletzt, die Thiere verwundet und keinen Tropfen Saft enthält, welcher die glühende Zunge nur auf einen Augenblick zu kühlen vermöchte. Und doch durchziehen einige wenige Straßen dieses furchtbare Land. Der Mensch ist Meister der Schöpfung und macht sich selbst ihre starrsten, widerstrebendsten Punkte unterthan. Hinauf nach Santa Fé, an die Creeks, Springs und Goldfelder der Felsenberge und hinunter über den Rio Grande nach dem reichen Mexiko führen sie; aber es sind keine Straßen, wie die Civilisation sie dem Verkehre bietet, sondern was man so nennt, besteht in Nichts als dürren Stangen, die man von Zeit zu Zeit in den Sand gesteckt hat, um die Richtung anzuzeigen, welcher der langsam dahinschleichende Ochsenkarrenzug oder der schnellere Trapper und Squatter zu folgen hat. Wehe ihm, wenn er diese Zeichen, von denen dieser Theil des Südwestens den Namen Llano estacado erhalten hat, verfehlt oder wenn sie von wilden Indianerhorden oder räuberischen Jägerbanden entfernt wurden, um ihn in die Irre zu führen. Er ist verloren! – (KMW-I.7-95:32, 506-507)
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In Wahrheit ist der Llano ein relativ flaches baumloses und trockenes Tafelland in dem ein ein semiarides Klima herrscht.
Wer nun also heute Hörspiel macht und sich einen solchen Stoff zum Vertonen aussucht, der muss sich bei der Produktion neben der Suche nach dem richtigen Klang die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal gefallen lassen, muss sich selbst immer wieder klarzumachen trachten, warum gerade sein Produkt eine Daseinsberechtigung hat, sich in wohltuender Weise vom Mainstream abhebt oder sich explizit für ein Kino-im-Kopf-Erlebnis eignet. Und um den Wert der neuen OHRENKNEIFER-Produktion erkennen zu können, muss man einen Blick auf die aktuellen Geschehnisse und neuen Richtungen der zeitgenössischen Karl-May-Forschung und Karl-May-Welt tun.

Auf einem Symposium zum Thema »Karl May in den 1960er Jahren« im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn im September zeichnete sich ganz klar eine Öffnung nach außen ab. Man war bestrebt, sich nicht mehr in Kleingruppen zu unterteilen, die unterschiedliche Interessen (Filme, Festspiele, Comics, Forschung) jeweils für sich betrachteten, sondern sich eben gegenseitig zu unterstützen und den berühmten Blick über den Tellerrand zu wagen. Dazu zählte auch die Diskussion um die neue Karl-May-Verfilmung durch die Ratpack Filmproduktion und den privaten Fernsehsender RTL aus Köln.
Die Wogen waren im Vorfeld schon hochgeschlagen. Was würde auf den treuen Karl-May-Fan und Leser zukommen? Wieder eine freierfundene Geschichte wie bereits in den 1960er Jahren? Eventuell eine werkgetreue Umsetzung?
Mit dem Produzenten Christian Becker (*1972) und dem Regisseur Phillipp Stölzl (*1967) sollte das aber etwas ganz anderes werden. Eine Neuinterpretation unter Herauslösung des Kernmythos, wie sich Stölzl und Becker ausdrückten. Und was bleibt, wenn man beispielsweise den Kern aus den Winnetou-Erzählungen freilegt? Genau, die Geschichte zweier junger Männer aus Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein können, und deren grandiose Freundschaft.


Hier tut der OHRENKNEIFER nun etwas, was geradezu kongenial zu nennen ist. Dirk Hardegen bleibt sich nämlich selber und seiner einmal eingeschlagenen Linie treu. Er vertont den Original Karl-May-Text. Er beweist, dass das Original allemal das Zeug hat, eins zu eins umgesetzt zu werden und heute noch begeistern zu können. Er belässt den May’schen Llano wie er ist, er versucht gar nicht erst, modernisierend einen Bezug zur Wirklichkeit herzustellen. Er begreift Mays Vorlage als genau das, was es ist, nämlich ein literarischer Text aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Den einzigen Zusatz, den er sich erlaubt und der dem Hörspiel sehr guttut und den nötigen Einstiegsdrive gibt, ist die Eröffnungssequenz, in der er dem Zuhörer begreifbar macht, wer und was die Geier des Llano sind und warum ihnen unbedingt das Handwerk zu legen ist. Außerdem nimmt er sich in der dramatis personae die Freiheit, anstelle der weniger bekannten Snuffles den langen Davy und den dicken Jemmy zu bemühen, was als eine Reminiszenz an die »modernere« Buchfassung des Karl-May-Verlags verstanden werden kann.

Apropos Karl-May-Verlag. Das ist das richtige Stichwort, um auf eine weitere Besonderheit der neuesten OHRENKNEIFER-Produktion hinzuweisen. Auf Betreiben und Anregung von Thomas Le Blanc (*1951), dem Gründer der Phantastischen Bibliothek Wetzlar (seit 1989) und Organisator der Wetzlarer Tage der Phantastik (seit 1981, immer im September), wofür er mit dem Deutschen Fantasy Preis ausgezeichnet wurde (1990), beschreitet der Karl-May-Verlag mit Publikationen unter dem Motto »Karl Mays magischer Orient« oder »Auf phantastischen Pfaden« einen neuen Weg. Man versucht, sich den – inzwischen wieder rückläufigen – Boom der phantastischen Literatur zunutze zu machen und hat bei verschiedenen Autoren neue Geschichten mit Karl Mays Figuren in Auftrag gegeben, die aber nun magische und phantastische Dinge erleben.

Wer da nun pikiert die Nase rümpft und meint, Karl May habe nie Fantasy geschrieben, der sei an das Alterswerk erinnert, worin er sogar einen ganzen Stern/Himmelskörper, »Sitara« mit Namen, erfindet, dessen Kontinente auf’s Genaueste beschreibt und die Handlung mit seinen Figuren ganz bewusst und offiziell von der irdischen Realität weg in eine andere »seelische« Welt transferiert, die sich auf und in Sitara manifestiert, wobei seine Figuren allerdings die bleiben, die sie sind.
Schaut man in die Reiseerzählungen, so wird man dort eine Menge »phantastischer« Elemente finden, so sei an dieser Stelle nur an den »Ruh ’i kulyan« (KMW-IV.2, 546), den »Geist der Höhle« erinnert, der sich dem Leser wenig später als die mystisch verklärte Marah Durimeh zu erkennen gibt, die May selbst aus »die Verkörperung der Menschheitsseele« bezeichnet:
Wie bereits gesagt, bildete die fremdartige Lichterscheinung jetzt einen gewaltigen Halbkreis am südlichen Himmel. Da, wo der Bogen dieses Halbkreises links auf dem Horizonte lag, erschien jetzt plötzlich die Gestalt eines riesigen Reiters. Das Pferd war schwarz, aber der Reiter war weiß. Er hatte die Gestalt eines Büffels. Man sah ganz deutlich den Kopf mit den beiden Hörnern, den Nacken mit der struppigen, halblangen Mähne, welche hinterher flatterte, und den Leib, welcher sich nach rückwärts mit dem Hinterteile des Pferdes vereinigte. Die Konturen dieses Bildes waren von lichtfunkelnden Linien eingefaßt. Das Pferd befand sich in geradezu rasendem Galopp. Es bewegte sich nicht etwa auf einer ebenen Linie, also auf dem Durchmesser dieses lodernde Halbkreises, sondern es stieg innerhalb des Kreisbogens empor und galoppierte längs desselben weiter. Es hatte ein Stück Boden unter sich, der ihm auch stets unter den Füßen blieb. So jagte es in runder Linie aufwärts bis zum höchsten Punkte und dann an der rechten Seite der glühenden Halbscheibe wieder herab bis da, wo der Kreisbogen den Horizont berührte. Dort verschwand es so plötzlich, wie es erschienen war. (KMW-III.1-191:41, 650)
Im Frühwerk sind es eben solche aus der indianischen Mystik übernommene und abgeleitete Legenden wie »der Geist des Llano estakado«, der berühmt-berüchtigte »Avenging-ghost«, die sich zwar als reale Menschen erweisen, dennoch aber als Verkörperungen und Idealisierungen von Sitte, Moral und Gerechtigkeit erweisen und aufgrund ihres Geistermäntelchens und ihres Erscheinungsbildes – hier ist es der den Indianern heilige Bison/Büffel – durchaus auch als »phantastische« Elemente bezeichnet werden dürfen.
Und wieder springt Hardegen hier auf den aktuellen, modernen Zug auf, ob er es nun wissentlich tut oder nicht, das lässt sich nicht genau sagen, in dem er für die Umsetzung genau eine solche Geschichte wählt, in der es dieses mystische, mythische, phantastische Moment gibt, das er genussvoll herausarbeitet, und die eben keine klassische Reiseerzählung ist.
Udo Schenk - Quelle

Und genau diese Mischung ist es, die dem Hörspiel einen einzigartigen Charakter verleiht. Hinzukommt eine absolut professionelle Umsetzung, atmosphärisch dichte, wiederum extra komponierte Musik, sorgfältig ausgewählte Sprecher, die dieses Mal nicht nur aus den OHRENKNEIFER Stammsprechern (Dirk Hardegen, Detlef Tams, Marc Schülert) bestehen, sondern um bekannte Synchronikonen wie Friedhelm Ptok (*1933) als John Helmers und Udo Schenk (*1953) als Tobias Preisegott Burton erweitert werden. Ausnehmen darf man eigentlich keinen aus der ungeheuer gut aufgelegten, frisch aufspielenden Crew, unter anderen Sibylle Nicolai (*1950) als Sanna, Hennes Bender (*1968) als Bob, Heiko Grauel als Gibson und Kai Schwind (*1976), Horst Kurth, Achim Barrenstein, Robert Frank, Gordon Piedesack (*1972), Christoph Gottwald, Sven Buchholz, Bert Stevens, Patrick Steiner, Oliver Kube, Bernd M. Nieschalk, Tom Steinbrecher (*1980), Jörg Bielefeld, Gabi Eichmeier, Karsten Schäfer, Sabine Hardegen, Nicolas Kurth und last but not least der Youngster in der Runde Christopher Albrodt als Bloody Fox.
Die Covergestaltung oblag wieder den bewährten Händen von Wolfram Damerius, der hier eine sehr stimmungsvolle myaeske Optik erschaffen hat.

Wiederum lüftet ein ausführliches Bonus-Material, das nur den Käufern der CD-Version vorbehalten ist, den Schleier der Hintergründe, die Gedanken der Macher und deckt dieses Mal neben so interessanten Fragen wie »Wie klingt der Llano?« einen textimmanenten Konflikt auf, der fast dazu geführt hätte, das Christopher Albrodt den Part den Bloody Fox gar nicht übernommen hätte.
Die political correctness verbietet dem gebildeten Zeitgenossen von heute, Begriffe wie »Neger« oder gar »Nigger« in den Mund zu nehmen, da sie in der jetzigen Gesellschaft eindeutig rassendiskriminatorisch verortet werden. Und so entstand unter den Sprechern und Produzenten die wichtige Diskussion darüber, ob man das heute in einem Hörspiel so noch machen dürfe, ob man das nicht abändern oder weglassen müsse, damit man keine ungewollte Provokation hervorrufe.
Die Einstellung der Macher aber sind literarhistorisch klar nachvollziehbar. Karl May hat den Text zu seiner Zeit so geschrieben, er hat es nicht anders gekannt, also wird, ebenso wie seine Vorstellung des Llano estakado, das Vokabular belassen, wie es ist. Der Text verlöre ansonsten seine Authentizität, was das Hörspiel ziemlich beliebig machen würde. Außerdem ergreift May, auch wenn er die Begrifflichkeiten, die heute verpönt sind, nutzt, dennoch Partei für den Farbigen, den »Neger Bob«, da er ihn als »colored gentleman« bezeichnet und ihn nicht wie einen Sklaven sondern wie einen freien Mann agieren lässt. Für damalige Verhältnisse eine ungeheure Leistung.

Fazit: Nunmehr zum zweiten Mal ist es dem OHRENKNEIFER gelungen, mit einem kommerziellen Karl-May-Hörspiel in vielerlei Hinsicht einen großen Wurf zu landen. Professionell produziert, atmosphärisch dicht komponiert, am Puls der Zeit durch seine Bezüge zur aktuellen May-Szene und zur Phantastik, aber eben auch authentisch und originalgetreu. Dirk Hardegen hat erneut bewiesen, dass der originale Karl May durchaus zeitlos in seinen Themen und seinen Charakteren ist. Zeitlos gut ist dieses Hörspiel, aktuell, modern, aber auch klassisch und traditionell. Bleibt zum Schluss neben dem aufmunternden »Weiter so!« nur die Hoffnung, dass der OHRENKNEIFER nicht müde werden wird, solche tollen Produkte auf den Markt zu bringen. Denn genau so etwas braucht es, um die Begeisterung für einen Autor wie Karl May hochzuhalten.
»Good day, Ladies und Mesch’schurs,« antwortete dieser mit voller, sonorer Stimme. »Ich träumte von der Llano estacado und von abhanden gekommenen Stangen und Nuggets. Good bye!« (KMW-I.7-95:33, 524)

Sonntag, 27. November 2016

Prohibitionistischer Alptraum im Schlafrock – David Yates’ »Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind«

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, mit welchen Erwartungen ich bei diesem Film ins Kino gegangen bin, allerdings war der erste Eindruck, der sich mir relativ früh regelrecht aufdrängte, und der sich auch bis zum Ende hindurchzog, der, dass David Yates (*1963) hier definitiv keinen Kinderfilm geschaffen hat, auch wenn viele der dargestellten Szenen und phantastischen Figuren auf den ersten Blick genau das sein zu wollen scheinen.

Ein wenig skeptisch war ich schon, immerhin hatte ich mit dem Harry-Potter-Universum (1997-2007, 2016) nach sieben Bänden, einem Bühnenstück und acht Filmen (2001-2010) bereits abgeschlossen, als diese Produktion angekündigt wurde. Aber da Joanne K. Rowling (*1965), um die es zugegebenermaßen in den letzten Jahren etwas ruhiger geworden war, selbst das Drehbuch schrieb, war ich doch mehr als neugierig, wie sie dieses eigentlich schmale 64-seitige Bändchen unter dem Titel »Phantastische Tierwesen & wo sie zu finden sind«, was die literarische Vorlage bildet und was ein lexikalisches Nachschlagewerk ohne irgendeine Handlung ist, in einen abendfüllenden Spielfilm umfunktionieren wollte. 
Das gleichnamige Sequel, das 1926, zeitlich von seiner Handlung also einige Jahrzehnte vor den Ereignissen um den Zauberlehrling wider Willen Harry Potter, angesiedelt ist und damit mitten in die Zeit der Prohibition in den Vereinigten Staaten von Amerika (1920-1933) und der sich anschließenden Großen Depression (1929-1941) fällt, ist also wohl eher ein Prequel, das als Sequel maskiert ist, und eröffnet die Newt-Scamander-Reihe, die als erstes Spin-off der Harry-Potter-Romane gelten darf. Alles in diesem Film scheint irgendwie dergestalt maskiert zu sein, alles schreit förmlich danach, enttarnt zu werden; die Maske, die äußere Fassade, hinter der sich etwas ganz anderes verbirgt, schlängelt sich wie ein leitmotivischer Basilisk von vorne bis hinten durch alles, was man da so vorgesetzt bekommt, hindurch und lässt den Blick des Zuschauers – natürlich im übertragenen Sinne – zu Stein werden. Denn dieses ganz Andere ist nichts Freundliches, Gutes, es ist etwas abgrundtief Verstörendes, Schlechtes und Böses, etwas, dass an die Urängste im Menschen rührt und an die großen Stoffe der Schwarzen Romantik (oder auch Schauerromantik) des 19. Jahrhunderts erinnert.
Newt Scamander (Eddie Redmayne, *1982), der Hauptprotagonist ist einer der merkwürdigsten und nichtsagendsten Charaktere, die mir je untergekommen sind. Er ist ein wenig verschroben, ein Nerd, wie man heute sagen würde, der aus zunächst nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen mit einem Koffer voller magischer Tiere, die er betreut und vor der Ausrottung bewahren will, nach Amerika reist. Später kommt dann heraus, dass er einen Donnervogel namens Frank wieder in seine angestammte Heimat bringen will – ein exzentrischer Tierfreund also. Scamander ist von der Hogwarts-Schule geflogen, weil er das Leben anderer Schüler gefährdet hat. Kein Geringerer als Albus Dumbledore hat sich für ihn eingesetzt, den Verweis aber nicht verhindern können. 

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Nun wäre es doch spannend, mehr darüber zu erfahren, weil es die Figur menschlicher und greifbarer machen würde. Scamander agiert wie ein fertigausgebildeter Zauberer in allem, was er tut. Er lernt nichts, er entwickelt sich nicht, er fährt stur seinen Stiefel, ohne auf seine Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Und wenn ein als Hauptfigur angelegter Charakter am Ende eines Filmes, dessen Plot als klassische Heldenreise angelegt ist, selbst erklären muss, dass er sich verändert habe, dann ist das mehr als schwach. Aber – ich will das mal nicht zu schwarz sehen –, es sollen ja noch vier weitere Filme folgen, vielleicht macht er ja insgesamt in der geplanten Pentalogie eine entsprechende Entwicklung, die es lohnt, das Schicksal dieses skurrilen Charakters zu verfolgen.

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Ihm zur Seite stehen die Hexenschwestern Porpentina »Tina« und Queenie Goldstein (Katherine Waterston, *1980, und Alison Sudol, *1984) – ein Schelm, wer bei dem jüdischen Namen eine versteckte Anzüglichkeit vermutet – die eine ist hyperaktiv und arbeitet wenig erfolgreich als Aurorin für den MACUSA – den Magischen Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika –, die andere ist, und das macht sie wesentlich interessanter, introvertiert und eine feinsinnige Telepathin. Ebenso wird er durch einen Muggel, in Amerika nennt man sie No-Maj, namens Jacob Kowalski (Dan Fogler, *1976) unterstützt, der die eigentliche, heimliche Hauptfigur des ersten Teils ist, da er alle Merkmale eines echten Helden im Sinne der Heldenreise erfüllt, und Scamander nach ihrem Zusammentreffen für ihn zu einer Art Mentor in Sachen magische Welt mutiert. 
Kowalski entwickelt sich sichtbar weiter und wenn er sich auch schließlich freiwillig dem Vergessenszauber aussetzt, so bekommt doch am Ende er den wunderschönen Moment, die Rückkehr mit dem Elixier, geschenkt, in dem er seinen Traum, eine Bäckerei zu eröffnen, wahrmacht und bald darauf Queenie im Laden entdeckt, die sich während des Abenteuers in ihn verliebt hat. Scamander ist hier nämlich der alte Haudegen, der in der Zaubererwelt Erfahrene, der den untersetzten Tollpatsch mit dem großen Herz in die neue Wirklichkeit einführt und ihm, nach dem großen Vergessen durch das Geschenk von goldenen Occamy-Eierschalen zur Erfüllung seines Traums befähigt.
Soweit, so gut. Alles hört sich sehr nach Kinderbelustigung an. Die vielen bunten und merkwürdigen Tiere, die gezeigt werden und allerhand anstellen, die eindeutig guten und die eindeutig bösen Zauberer, all das wäre für einen Kinderfilm in Ordnung. Aber da gibt es eben auch die dunkle Seite der Macht, Pardon, Magie, die sich an keinem geringeren amerikanischen Trauma als dem der Hexenprozesse von Salem (1692), die den Höhepunkt der Hexenverfolgungen von Neuengland im 17. Jahrhundert bildeten, orientiert. So gibt es im Film die Second Salemers, eine Gruppe von No-Majs, die sich in der Tradition dieser Hexenverfolgungen sehen und diese fortführen wollen. Sie beherbergen ein besonderes Kind, eine besonders starke Hexe mit entsprechend starken Kräften, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass das, was sie bekämpfen, bereits mitten unter ihnen ist. Auch hier ließen sich eine ganze Menge interpretatorischer Ansätze finden, mit denen man tiefer in das Ganze eindringen könnte.
Der Zauberer Percival Graves (Colin Farrell, *1976), als einflussreicher Auror Mitglied des MACUSA und die rechte Hand der Präsidentin, sucht in seiner Eigenschaft als Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung dieses besondere Kind, allerdings wird noch nicht wirklich klar, wieso er das tut. Er infiltriert die Salemers durch den jugendlichen Credence (Ezra Miller, *1992), den er lange für einen Squib hält. Dieser Credence, der eigentlich ein mächtiger Zauberer ist, durch sein Leben bei den Salemers allerdings gezwungen ist, seine Kräfte zu unterdrücken, erschafft einen sogenannten Obscurus, ein schemenhaftes dunkles Wesen, das aus unkontrollierbarer, dunkler Energie besteht und das durch das Unterdrücken von Zauberkräften entsteht. Es wirkt wie eine Naturgewalt und kann zu großen Zerstörungen fähig sein. Man könnte es als negative, tödliche Seite der Pubertät ansehen, denn normalerweise überleben Zauberer, die Obscuren erschaffen, das Kindesalter nicht.
Diesen Obscurus zu besiegen, wird dann auch zur großen Herausforderung des restlichen Films, der sich nicht davor scheut, ebenfalls so heikle Themen wie die Todesstrafe in den USA, die im Film sogar im Rahmen eines Prozesses in der Zaubererwelt verhängt und vollstreckt wird, zu thematisieren. Ebenso gibt es einige Hinweise auf den Umgang mit Kindesmissbrauch. Und zum Schluss wird auch Percival Graves als kein Geringerer als der Zauberer Gellert Grindelwald, der allen Harry-Potter-Fans bestens bekannt sein dürfte als bösester Zauberer vor Lord Voldemort, von Newt Scamander demaskiert. Für dessen kurzen Gastauftritt am Ende konnte sogar Johnny Depp (*1963) verpflichtet werden.
Fazit: Den Film gemeinhin als schlechten Spin-off der Harry-Potter-Reihe abzutun, wäre verfehlt. Ihn hochzuloben, ebenso. Die Wahrheit hier liegt wohl wie immer zum Teil im Auge des Betrachters und dann in der goldenen Mitte. Der Film und noch viel mehr die dahinterstehende Geschichte und die Zaubererwelt sind mit viel Liebe zum Detail dargestellt und entworfen. Obwohl es sich in dem bereits bekannten Harry-Potter-Universum bewegt, ist es doch durch den Wechsel des Kontinents als Schauplatz durchaus etwas ganz Anderes und hat seinen eigenen Reiz. Der Film ist von seinen Farben durch die Bank weg dunkel gehalten, was ihm einen düsteren, mystischen Look verleiht. Das ist wohl in erster Linie auch den historischen Referenzen geschuldet, die es immer und immer wieder schaffen, die erdachte Handlung zu erden und in den Bereich des Möglichen zu heben. 
Ein bisschen schließt sich das so geschaffene Universum an die schon mehrfach beschriebene und auf diesem Blog immer wieder thematisierte Multiversalitätstheorie an und erweist sich so als sehr zeitgemäße Form des phantastischen Films. Der Obscurus erinnert stark an die Dementoren von Askaban, ist trotzdem in seiner Wirkung sowohl auf die Außenwelt als auch auf die Innenwelt des erzeugenden Zauberers ungleich dunkler, grausamer und bösartiger, und wohl kaum durch einen Patronus oder eine Tafel Schokolade zu besiegen. Harry Potter ist also erwachsen geworden und deswegen sollte man diesen Film nur sehr bedingt Kindern zeigen, da sie den auf Urängste abzielenden, immanenten sehr psychologischen Horror vieler Passagen des Films noch nicht wirklich verarbeiten können. Für den Erwachsenen jedoch, der die Doppelbödigkeit des Plots und die ganzen Anspielungen auf die aktuelle, zeitgenössische, amerikanische Geschichte und Politik durchschaut, wird es spannend bleiben, auch die nächsten Teile zu sehen und zu erfahren, wie sich die amerikanische Zaubererwelt parallel zur englischen weiterentwickelt. 

Donnerstag, 10. November 2016

Von der Meisterschaft, phantastische Welten zu bauen – Bernhard Hennen las in Hilgert/Ww

Wenn es darum geht, das reale Leben in eine faszinierende phantastische Welt umzubauen, so ist Bernhard Hennen (*1966; => Homepage) wohl einer der unangefochtenen Meister. Seit über zehn Jahren gebirt die gewaltige Vorstellungskraft des von Wolfgang Hohlbein (*1953; => Homepage) entdeckten, initiierten und geförderten Rheinländers aus Krefeld schrecklich schöne Traumräume und Andersorte, in denen es von Drachen, Elfen und Zwergen nur so wimmelt; Drachen, Elfen und Zwerge allerdings, die – ganz anders als bei Tolkien zum Beispiel, der einem sofort bei diesen mythologischen Wesen einfällt – hinter ihrer äußeren Fassade allzumenschliche Charaktere erkennen lassen.

Seine Bücher sind trotz ihres beachtlichen Umfangs von durchschnittlich 800 bis 900 Seiten Bestseller, sein Ruf in der literarischen Gattung Fantasy, die er bedient, unangefochten. Seine Leser schätzen seine Akribie und Detailversessenheit und lieben seinen Hang zum Erzählen aus den unterschiedlichsten Perspektiven. 


Seine Lesungen sind nicht nur Lesungen, sie gehen weit darüber hinaus, weiten sich zu ausgedehnten Autorengesprächen aus, in denen sich der sympathische Autor als bodenständig und volksnah erweist und seinen Fans zu allen möglichen Fragen kaum eine Antwort schuldig bleibt. Dafür reduziert er die eigentliche Lesung auf etwa eine Viertelstunde, um dann, was ihm viel wichtiger ist, mit seinen Lesern und Fans ins Gespräch zu kommen, und das kann sich dann schon mal in die Länge ziehen. Eine Länge allerdings, die kaum jemand als unangenehm oder belastend erlebt, eher im Gegenteil, eine Länge, die Lust auf mehr macht, so dass man den Autor anflehen möchte, doch bloß nicht aufzuhören.


Ähnliches konnte man am Abend des 3. November 2016 ab 19:30 Uhr im neugestalteten Gemeindehaus in der Gemeinde Hilgert im Kannenbäckerland am Rand des Westerwalds erleben. Birgit Karnatz, die engagierte und couragierte Leiterin der Gemeindebücherei, hatte Hennen zu einer Lesung in den kleinen Ort eingeladen. Und der berühmte Autor sagte zu und kam. Sympathisch ist er, ganz ohne Starallüren, einer, der sich den Anschein gibt, mit seinen Zuhörern auf einer Ebene zu stehen, ein durch und durch angenehmer Mensch, ein netter Kerl, der gerne mit seinem Publikum angeregt und liebenswürdig plaudert. Ein Familienmensch, der seine Stoffe aus dem Alltäglichen schöpft, um sie dann verfremdet als Fantasyhandlung neu zu erzählen. Als Beispiel brachte er mit seiner sonoren, unaufdringlichen, wohlklingend vollmundigen Erzählstimme eine Anekdote von seiner Tochter und einem Hund, die sich dann später entsprechend bearbeitet in einem seiner Bücher wiederfand. Und besonders dann, wenn er frei erzählt, erkennt man erst die wahre Meisterschaft dieses hochbegabten Schöpfers phantastischer Welten.


Die Anwesenden stellen Fragen, die sich nicht nur auf seinen neuen Roman beziehen, sondern vor allem auf seinen Beruf und seine Passion, das Schreiben, das Leben eines Autors. Und Hennen antwortet weitschweifig und ausgiebig, macht vieles spielerisch an gutverständlichen Beispielen klar, genau so, wie er das in seinen Büchern tut. Dabei teilt er seinem Publikum bereitwillig auch eine Menge Biographisches mit, so unter anderem, wie er nach einem Studium der Germanistik, der Geschichte und der vorderasiatischen Archäologie, von der er fasziniert ist, als Journalist beim Westdeutschen Rundfunk begann. Nach einer Lesung von Wolfgang Hohlbein habe er dem berühmten Autor von einer Romanidee, die er hatte, erzählt, und der hätte ihn spontan gleich mit zu dessen Lektor bei Bastei Lübbe (=> Homepage) genommen und sich dort für ihn so eingesetzt, so dass er einen ersten Autorenvertrag erhalten habe: Hohlbein: »Wenn der Hennen das nicht durchhält, schreibe ich den Roman zuende.«. Es sei ihm geschenkt worden, wofür andere jahrelang hart arbeiten müssten. Für seine ersten Veröffentlichungen hätte ihm Hohlbein sogar großzügig seinen Namen als Co-Autor zur Verfügung gestellt und ihm viel geholfen, was sich natürlich positiv auf den Absatz seiner Bücher ausgewirkt habe.


Besonders eindrucksvoll blieb auch der Bericht von einem Freund in Schweden in Erinnerung, mit dem Hennen nur sonntagnachmittags telefonieren kann und der ihm wertvolle Hinweise liefert, was in den von ihm erschaffenen Welten alles möglich ist und was gar nicht geht. Dieser Abgleich seiner phantastischen Entwürfe mit dem real Möglichen sorgt in seinen Romanen für genau die Authentizität, die seine Leser und Fans so schätzen und immer wieder erleben wollen; mit einer solchen Qualität hebt er sich aber auch von seinen anderen fantasyschreibenden Kollegen ab, es ist ein besonderes Alleinstellungsmerkmal.




Leider erschienen zur Veranstaltung nur knappe fünfzehn Teilnehmer, was auf den ersten Blick wenig erscheint, für die Region allerdings, zieht man andere kulturelle Veranstaltungen dieser Art zum Vergleich heran, dennoch schon ein Menge ist. Der Westerwald ist und bleibt ein kulturell schwierig zu beackerndes Gelände, darüber darf man sich keinesfalls hinwegtäuschen, dennoch dürfen sich engagierte Veranstalter auch weiterhin nicht davon abhalten lassen, solche Veranstaltungen auszurichten. Denn steter Tropfen höhlt bekanntlich ja den Stein, auch wenn er ein besonders harter Basalt ist. Denn die Fünfzehn, die da waren, erlebten einen tollen, einen phantastischen und zauberhaften Abend, der noch lange im Gedächtnis haften bleiben wird.

Hier geht es zum dem im Anschluss mit dem Autor geführten Interview, dessen Verschriftlichung ich einen eigenen Blogeintrag gewidmet habe: N.N.