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Sonntag, 25. September 2016

Westerndämmerung – Antoine Fuquas »Die glorreichen Sieben«

Wieder mal ein Remake! Wieder mal eine Neuinterpretation! Wieder mal der Versuch, ein klassisches Meisterwerk in die aktuelle Gegenwart zu tragen! Ich habe mich ja bereits an anderer Stelle über die Unfähigkeit des aktuellen Hollywood-Kinos ausgelassen, neue erregende Stoffe zu finden, zu schreiben und zu verfilmen. Deshalb muss ich darauf hier nun nicht mehr eingehen. Aber wie das mit Durststrecken nun mal so ist, man muss sie durchstehen und, um wenigstens die Speichelproduktion anzuregen, am besten Kieselsteine lutschen.
Diesmal also ein Westernklassiker, der auf ein einen japanischen Samurai-Film zurückgeht. Wir erinnern uns: 1954 bringt der japanische Meisterregisseur Akiro Kurosawa (1910-1998) den Historienfilm »Die sieben Samurai (Shichinin no samurai)« in die Kinos und landet einen umjubelten Welterfolg. Kritiker feiern ihn und der Film wird zu einem der einflussreichsten und bekanntesten japanischen Filme. Sechs Jahre später, 1960, macht der US-amerikanische Regisseur und Produzent John Sturges (1910-1992) aus dem Eastern einen Western, überträgt so »Die sieben Samurai« auf amerikanische Verhältnisse und landet ebenfalls einen großen Erfolg mit »Die glorreichen Sieben (The Magnificent Seven)«. 2015 folgt dann die Reminiszenz an diese beiden großen Filme in Form einer zynischen Überhöhung in Quentin Tarantinos (*1963) »The Hateful Eight«, über den ich mich auf diesem Blog ebenfalls schon ausführlich geäußert habe. Wieso nun also ein Rückschritt? Wieso ein Remake, eine Neuinterpretation des Stoffs?
Doch zuerst noch ein Wort zum Genre. Antoine Fuquas (*1966) Film ist ein Western; das Genre ist durch den eindeutigen Bezug auf das große Vorbild zwingend gegeben. Fuqua versucht mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, das bereits fast verstorbene Genre Western wiederzubeleben, doch sein Versuch gleicht dem verzweifelten Bemühen eines Rettungssanitäters durch Faustschläge auf die Brust des zu Rettenden das Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Ein vielleicht etwas heftiger Vergleich, aber er trifft es meines Erachtens nach recht gut. Auch über den Abgesang auf den Western habe ich mich hier auf diesem Blog im Zuge der Besprechung von Seth MacFarlanes (*1973) »A Million Ways To Die (In The West)« (2014) schon zur Genüge ausgelassen. Doch ein Abgesang auf das Genre ist Fuquas Film nicht, er ist dessen, mit Richard Wagner gesprochen, Götterdämmerung. Denn – und hier zitiere ich mich selbst aus einem früheren Blogbeitrag – sein Film zeigt, »dass der Western heutzutage nicht mehr funktioniert, ja, vielleicht sogar einfach nicht mehr funktionieren kann. Das beweist das klägliche Scheitern von Gore Verbinskis „Lone Ranger“ (2013) ebenso, wie die scheinbaren Erfolge „True Grit“ (2010) der Coen-Brüder und Tarantinos „Django Unchained“ (2012), aber seien wir mal ehrlich, so richtige Western waren das auch nicht wirklich, von „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990), „Erbarmungslos“ (1992), „Dead Man“ (1995), und „The Missing“ (2003) einmal ganz abgesehen. Es fehlen die John Waynes, die Dean Martins, die Gary Coopers, eben jene Typen-Schauspieler, die den echten Westernhelden noch Leben einhauchen können …«
Kommen wir zum Plot. Der ist auch nichts wirklich Neues. Natürlich geht es um Rache, um Rache, die, wie so oft, im Gewand einer Vergeltungsgerechtigkeit daherkommt. Der teuflische Großgrundbesitzer Bartholomew Bogue (Peter Sarsgaard, *1971) drangsaliert die Bewohner des kleinen Örtchens Rose Creek. Dabei geht er über Leichen. Als er vor der Kirche den mutigen und aufrechten Matthew Cullen (Matthew Bomer, *1977) und mehrere Bewohner einfach niederschießt und anschließend die Kirche niederbrennt, geht er damit eindeutig zu weit. Cullens couragierte Frau Emma (Haley Bennett, *1988) engagiert sich Hilfe. Ihr Motiv ist natürlich Rache, aber auch Gerechtigkeit, worin sie sich aber letztlich nicht wirklich sicher ist, was wohl daran liegen dürfte, dass Rache mit Gerechtigkeit nicht wirklich viel zu tun hat. Sie heuert – ganz im Sinne des alttestamentarischen »Auge um Auge, Zahn um Zahn« (2 Mose (Ex) 21, 23-25) – sieben Profis an, die Rose Creek von Bogue befreien sollen: den Kopfgeldjäger Sam Chisholm (Denzel Washington, 1954), den Spieler Josh Farraday (Chris Pratt, *1979), den Scharfschützen Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke, *1970), den Fährtenleser Jack Horne (Vincent D’Onofrio, *1959), den Auftragskiller Billy Rocks (Lee Byung-hun, *1970), den Krieger Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo, *1981) und den Gesetzlosen Red Harvest (Martin Sensmeier, *1984). Bemerkenswert an dieser Besetzung, die einen großen Querschnitt der amerikanischen Ethnie darstellt, ist der Einsatz des in Alaska geborene Tlingits, Koyukon-Athabascan, Martin Sensmeier, der ursprünglich in die Fußstapfen von Pierre Brice (1929-2015) treten sollte und für die Neuverfilmung von Karl Mays (1842-1912) »Winnetou« vorgesehen war, diese Rolle dann aber zugunsten des hier thematisierten Remakes absagte.

Quelle
Was bleibt nun, wenn man einen Vergleich zwischen den oben genannten Filmen anstellt – Tarantinos »A Hateful Eight« lasse ich bei dem Vergleich vorerst einmal heraus: Bei Kurosawa ist die Handlung im Japan der Azuchi-Momoyama-Zeit, also im 16. Jahrhundert. Ein Bauerndorf wird Opfer von Banditen. Sieben Samurai sollen es retten. Kurosawa zeigt ein gesellschaftliches Sittengemälde dieser Zeit, er zeigt, wie durchtrieben die dienende Klasse war, ja sein musste, um zu überleben. Er kehrt die Vorzeichen um, indem er die herrschende Klasse der Samurai ganz in der Bedeutung des Wortes »Samurai« zu »Dienern« und »Beschützern« der Bauern macht. Er zeigt, was es eigentlich bedeutet, zu herrschen. 
Sturges hingegen transportiert die Handlung ins Mexiko des 19. Jahrhunderts, genauer an die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Auch hier sind es Bauern – Farmer – in einem kleinen mexikanischen Dorf, die durch eine Gruppe wild um sich schießender Bandoleros um den finsteren Calvera (Eli Wallach, 1915-2014) drangsaliert werden. Die Farmer engagieren Chris (Yul Brynner, 1920-1985) und sechs weitere Revolverhelden, um sich gegen Calvera zur Wehr zu setzen. Hier sind es amerikanische Revolverhelden, Männer, die das Gesetz selbst in die Hand nehmen, die mexikanischen Farmern helfen. Das ist immerhin bemerkenswert, bedenkt man den bis heute schwelenden Konflikt zwischen Mexiko und den USA. Sturges zeigt Amerikanern und Mexikanern, dass es besser und heilbringender ist, sich gegenseitig zu helfen. Er setzt bewusst auf die Darstellung familiärer Umstände und gerade die Kinder spielen bei ihm eine sehr große Rolle, zum einen in der Entlarvung der harten Schale der Revolvermänner als Maskerade und zum anderen leider auch in der Verursachung von Leid. Der Selbstjustiz als Form der Konfliktlösung erteilt Sturges hier eine deutliche Absage. Chris formuliert dies gegen Ende des Films so: »Nur die Farmer konnten gewinnen. Wir haben verloren! – Wir verlieren immer!«
Fuqua verschiebt den Handlungsort nun in eine fiktive Stadt irgendwo in den USA irgendwann im 19. Jahrhundert. Sein Bösewicht ist industrieller, er handelt aus Habgier, einem der niedersten Motive und Beweggründe heraus, ein Menschenleben gilt ihm nicht viel. Die angeheuerten Sieben um den Kopfgeldjäger Chisholm sind Freischärler mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und den unterschiedlichsten indigenen Hintergründen. Fuqua verzichtet auf jedwede sozialkritische oder gesellschaftskritische Aussage. Er reduziert das Geschehen schlicht auf den Racheakt im Namen der Bewohner, selbst die Zerstörung der christlichen Kirche des Ortes, worin große interpretatorische Möglichkeiten liegen, dient lediglich dazu, die teuflische Bösartigkeit Bogues zu zementieren. Zaghafte Versuche, die Rache zu rechtfertigen, etwa wenn der Pfarrer des Ortes abends auf dem Balkon Chisholm erklärt, was sie alles entbehren mussten, oder der ganz kurze Einsatz von Kindern des Ortes, die es zu retten gilt, geht letztlich unter. Schade, hier wurde im wahrsten Sinne des Wortes viel Pulver verschossen.


Aber genau darin liegt die Tragik dieses untergehenden Genres. Der Western funktioniert heute einfach nicht mehr, nicht mehr als Erzählstruktur, nicht mehr als Transportmöglichkeit von Erkenntnissen und Einsichten in die moderne Zeit. Wir erleben, trotz wirklich positiver Ausnahmen wie Tarantinos »The Hateful Eight« den Niedergang eines Genres, den die ständigen niveauschwachen Wiederbelebungsversuche wie dieses Remake, die Neuinterpretation, auch nicht wirklich aufhalten können. Schauspielerisch bekommt man eine tolle Leistung geboten, auch wenn, so hart sich das jetzt anhören mag, ein Denzel Washington an das Charisma und die Ausstrahlung eines Yul Brynner nicht heranreicht. Und so bleibt am Ende nur, Inhalt und Bedeutung mit dem Satz kommentierend zusammenzufassen, den Josh Faraday den Bewohnern von Rose Creek entgegenruft, als diese bei den Schießübungen kläglich versagen: »Geht nach Hause, poliert die Gewehre, vielleicht schreckt das Glitzern sie ab!«

Montag, 19. September 2016

Vom Mythos zum Logos – Karl May in den 60er Jahren – Tag 3 »des Symposiums für Karl May«



»Öffnung! Öffnung! Öffnung! Sowohl nach innen als auch nach außen!« So kann man die Botschaft in Schlagworten formulieren, die von diesem letzten Tag des Bonner Karl-May-Symposiums ausgeht und die sich im Rahmen der Beiträge des zweiten Tags schon angedeutet hat. Die Karl-May-Gesellschaft e. V. muss sich aufgrund der zunehmend geringer werdenden Massenwirkung ihres verehrten Autors, was kein ernstzunehmender May-Forscher mehr wirklich bestreitet, breitenwirksamer aufstellen. Sie muss quasi den Muff unter den Talaren der Wissenschaftlichkeit vertreiben, ohne gerade auf diese hervorstechende Eigenschaft ihrer selbst zu verzichten. Sie muss, genau wie Helmut Schmiedt den Paradigmenwechsel für die Germanistik in den 60er Jahren beschrieben hat, selbst einen gewissen Paradigmenwechsel innerhalb ihrer eigenen heiligen Hallen vollziehen, um für die Zukunft gewappnet zu sein.



Ein erster Schritt, eine erste Weichenstellung sozusagen, ist wohl die Öffnung nach innen, will heißen, dass man im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses auch bisher eher ausgesparte populärwissenschaftliche Teilgebiete zulässt und die einzelnen may’schen Interessengruppen mit ihren verschiedenen Ausprägungen, also zum Beispiel die Festspiel-Fans, die Film-Freunde und die Wissenschaftler zusammenbringt.



Genau dies wird in den letzten beiden Vorträgen des Symposiums deutlich. Prof. Dr. Bernd Dolle-Weinkauff (*1952, Frankfurt) ist Comic-Forscher und Leiter des Comic-Archivs der Frankfurter Goethe Universität. Sein Untersuchungsgegenstand ist folgerichtig: Karl May im Comic, und zwar genauer in den Comic-Publikationen der 60er Jahre. Er tituliert seine Ausführungen als »Arbeit am Mythos im Operationssaal der Bildgeschichte« und macht in bemerkenswerter und sehr spannender Art und Weise deutlich, dass sich zum einen das Comic als eigenständige interdisziplinäre Gattung zwischen Literatur und Zeichenkunst nicht zu verstecken braucht und dass es zum anderen hier ein großes bisher nur wenig erschlossenes Forschungsfeld für die Karl-May-Forschung gibt, das wiederum sehr interessante Aspekte zu liefern weiß, indem es die Akkulturation der May’schen Helden vorantreibt.



Dr. Alina Dana Weber (Tallahassee, Florida), Stipendiatin des DAAD, ist Assistant Professor an der Florida State University (=> Homepage). 2010 promoviert sie an der Indiana University Bloomington (=> Homepage) mit einer Arbeit über die Karl-May-Festspiele. Derzeit arbeitet sie an einer Buchpublikation. Also wieder eine Öffnung inhaltlich hin zu den Karl-May-Festspielen, die im Rahmen der Karl-May-Rezeption eine eigenständige Gruppierung darstellen, aber auch eine Brückenbauerin zu den vielen nichtdeutschen Karl-May-Forschern in aller Welt. Sie stellt die »Alterität, Identität und transkulturelle Dynamik in den Karl-May-Festspielen« dar und webt auf wunderbare Weise Vieles aus den vorherigen Beiträgen des Symposiums in ihr Referat ein, was dazu führt, dass ein wirklich runder, kadenzartiger Abschluss der Vortragsreihe zustande kommt.



Den krönenden Abschluss bildet dann ein Event der besonderen Art, dass ich – der geneigte Leser möge mir verzeihen – nun mit sehr persönlichen Worten darstellen muss, da ich selbst Beteiligter bin; aber da dies sowieso ein Symposium der persönlichen Bekenntnisse ist, fällt diese subjektive Note hoffentlich nicht zu stark ins Gewicht. Seit geraumer Zeit geht die Ankündigung durch die Medien, dass man Karl Mays »Winnetou« neu verfilmen will. Der Filmproduzent Christian Becker (*1972, München), Gründer der Westside Filmproduktion und der Rat Pack Filmproduktion (=> Homepage), hat sich mit dem Regisseur Philipp Stölzl (*1967; u. a. »Nordwand« (2008), »Goethe!« (2010), »Der Medicus« (2013)) und dem Privatsender RTL zusammengetan und unter anderem in Kroatien an den klassischen Filmsets der Karl-May-Filme der 60er Jahre einen Fernsehdreiteiler gedreht, der an Weihnachten 2016 ins Fernsehen kommen soll. Als Old Shatterhand steht relativ schnell der deutsche Schauspieler Wotan Wilke Möhring (*1967) fest und als Winnetou wird nach einigem Suchen Nik Xhelilaj (*1983), ein junger, relativ unbekannter Albaner, der in der Türkei Karriere gemacht hat, verpflichtet.




Das Filmvorhaben wird von Bekanntwerden an heftigst und kontrovers diskutiert. Es gibt sogar eine Facebook-Gruppe mit dem Titel »Winnetou 2016 ... so wird das nix«. Die größten Ängste der May-Fans sind, grob zusammengefasst, dass hier wieder kein Karl May verfilmt wird, sondern eine weitere Produktion entsteht, die nur die bekannten Namen nutzt, ohne aber den Geist der originalen Karl-May-Werke zu transportieren. Und so kommt es neben diesen teilweise in rohe Beschimpfungen ausartenden Kritiken auch zu einem Rechtsstreit zwischen dem Karl-May-Verlag in Bamberg und der Rat Pack Filmproduktion, in dem es letztlich um Titelschutzrechte geht, da die vorgelegten Drehbücher so wenig mit den durch die Titel assoziierten Werke Karl Mays zu tun haben, dass es den May-Verleger Bernhard Schmid zu dem mittlerweile berühmt gewordenen Bonmot verleitet: »Das ist nicht frei nach Karl May, das ist frei von Karl May.«


Und in der Tat, die Filme, die kommen werden, halten nichts von akribischer Textgenauigkeit oder Werktreue, sie wollen, das ist der Anspruch, Karl May interpretieren, ihn in die Neuzeit in zeitgemäßem Gewand holen und das Wesentliche in den Mittelpunkt stellen, nämlich die unzertrennliche Freundschaft zweier Männer aus unterschiedlichen Kulturen, die alles überdauert. Das ist zwar in der Sache nichts Neues, weil es in den letzten Jahren immer wieder derartige Bestrebungen gab, dennoch aber darf man bei aller Kritik nicht vergessen, dass die berühmten Karl-May-Verfilmungen der 60er Jahre auch nicht wirklich viel mit den Werken Mays zu tun hatten.



Christian Becker stellt sich nun im Gespräch mit dem Verfasser dieses Blogs dem Fachpublikum des Symposiums. Er tut das auf sehr charmante, nonchalante Art und Weise. Er verbreitet kein abgeklärtes, arrogantes Produzentengehabe, nein, er ist sympathisch, jung, dynamisch, ein netter Kerl mit großen Ambition, einer, der zu dem steht, was er tut, der Ideale hat und sich auch nicht scheut, diese umzusetzen und mit seinen Mitteln zu erreichen.



Viele Fragen gab es im Auditorium. Becker zeigte Trailermaterial und auch ganz neues Filmfootage was, so der Filmproduzent, bei einer Pressevorführung einige der Anwesenden vor Rührung zum Weinen gebracht habe. Becker verteidigt RTL, er sagt, RTL sei der absolut richtige Sender für dieses Unternehmen, der dem deutschen Publikum diesen Dreiteiler zu Weihnachten quasi schenken werde. Stölzl, der ursprünglich auch an dem Gespräch hatte teilnehmen wollen, allerdings terminlich verhindert war, kam in einem Making of zu Wort und erklärte darin kurz seine ganz persönliche Sichtweise auf den deutschen Mythos Winnetou. 



Und so endete der dritte Tag und auch das Symposium in sehr versöhnlichem Ton mit der Erkenntnis, dass Film ein ganz anderes Medium, eine ganz andere Kunstform als das Buch ist, die eben deswegen auch ganz anderen Gesetzmäßigkeiten folgt. Ein traditioneller Film-Buch-Vergleich wird dem wohl nie wirklich gerecht werden können. Beides ist streng für sich zu betrachten und zu trennen. Johannes Zeilinger brachte es dann auch in seinem Schlusswort mit dem feurigen Bekenntnis auf den Punkt, dass er glaube, dass das genau der Winnetou-Film werde, den er persönlich immer schon habe sehen wollen und dass er sich sehr auf Weihnachten freue und schon alle anderen Termine abgesagt habe. Dem ist, so denke ich, nicht mehr hinzuzufügen.


Von Winnetou bis Che Guevara – Karl May in den 60er Jahren – Tag 2 »des Symposiums für Karl May«





»Der Ristau hat gerade mein Leben erzählt! Cool!« Der Besucher ist begeistert. Er strahlt über das ganze Gesicht. Und so wie ihm geht es vielen nach diesem ersten Vortrag am zweiten Tag des Symposiums »Karl May in den 60er Jahren« im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Malte Ristau aus Berlin, der ja auch einer der Initiatoren des Symposiums ist, hat soeben in seinem Vortrag »Der kurze Weg nach Westen. Das neue Deutschland und die Generation Karl May« das Lebensgefühl einer ganzen Generation – eben der Generation Karl May – beschrieben und in warmen, schwärmerischen Worten ins Bewusstsein zurückgeholt. Viele Besucher erinnern sich, identifizieren sich. Feststellungen wie »Man kann eher Adenauer mit Karl May vergleichen als Adenauer mit Brandt« oder »Karl May war auf der richtigen Seite – gegen die Yankees« charakterisieren ebenso die 60er Jahre wie Hinweise auf eine sich verlagernde Popkultur: »Alte und neue Traumwelten vermischen sich«, »der Weltraum verdrängt den Wilden Westen« und »es sind erträumte Räume – May erträumte Räume ...« Ristaus Ausführungen münden in der faszinierenden These, dass in den 60er Jahren die Pop-Idole wechseln; das Pierre-Winnetou-Brice-Poster weicht dem Che-Guevara-Poster ...





Prof. Dr. Helmut Schmiedt (*1950) nimmt im Anschluss den Faden auf, webt ihn in seiner bekannt sachlichen und wissenschaftlich fundierten Art und Weise weiter, in dem er die Rezeption Karl Mays in den 60er Jahren im Rahmen der klassisch-tradierten, gut situierten germanistischen Literaturwissenschaft referiert, nicht jedoch, und das ist eine Seltenheit, ohne einige persönliche Erinnerungen einzuflechten. Karl May war wenig populär, eher verpönt, die Karl-May-Forscher mussten immer wieder sehr stark für ihr Thema, ihren Autoren kämpfen. Den eigentlichen Siegeszug in der germanistischen Literaturwissenschaft tritt May, so Schmiedt, erst an, als die 60er Jahre vorbei sind, denn die 60er Jahre sind eine Zeit des Umbruchs, des Weichenstellens, gerade in seiner Disziplin, kurz: ein Paradigmenwechsel.


Den wohl kurzweiligsten Vortrag, der herrlich unorthodox das Publikum oft herzlich lachen ließ, liefert hernach Privatdozent Dr. Thomas Kramer (*1959, Berlin) mit seinem Ausflug in die 60er Jahre in der DDR. Dort gab es eine Reihe interessanter und aus heutiger Sicht skurriler Karl-May-Alternativen, die dennoch das große Vorbild nicht wirklich verleugnen konnten: DEFA-Indianerfilme vor allem mit Gojko Mitić (*1940), »sozialistische Bildergeschichten« und Abenteuerromane.


Ihm schließt sich der bekannte und renommierte Rudi Schweikert (*1952, Mannheim) an, der klug und versiert unter dem Titel »Auf dem Weg nach Sitara« über die Beziehungen zwischen Arno Schmidt (1914-1979), Hans Wollschläger (1935-2007) und dem Mannheimer Karl-May-Forscher Hansotto Hatzig (1919-2001) als dem »Dritten im Hintergrund«.




Nachdem Mittagessen reißt Prof. Dr. Heinz-Peter Preußer (*1962, Bielefeld) in seinen spannenden, sehr dialektischen Ausführungen unter dem Titel »Das neue Deutschland im jugoslawischen Amerika. Romantische Sehnsuchtsorte und der Kult der Verbrüderung in den Winnetou-Filmen« mit so kontroversen Thesen wie »Winnetou ist der bessere Hitler!« das Auditorium aus seiner Lethargie. Überhaupt wird hier zum ersten Mal das der Veranstaltungsart »Symposium« so typische Flair einer angeregten Disputation, einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung und Diskussion erreicht, da das Publikum seine vom Biorhythmus vorgegebene Schläfrigkeit nach dem Essen einfach abstreift und teilweise sehr emotional auf Preußers Gedankengänge antwortet.





Im Anschluss wird es wieder etwas ruhiger und gediegener: Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid (*1947, Ulm) widmet sich den »Helden ohne Fehl und Tadel« und spricht über »die Rollen der Blutsbrüder Winnetou und Old Shatterhand im Film der sechziger Jahre«. Überhaupt wird an gerade an diesen beiden letzten Themen deutlich, wie sehr sich die Karl-May-Gesellschaft bemüht, sich inhaltlich und konzeptionell zu öffnen und die einzelnen Gebiete des differierenden Interesses an Karl May mehr und mehr in ihre Veranstaltungen einzubinden. Ganz wichtig wird es in Zukunft sein, dass der gar nicht mehr so massentaugliche Karl May sind nicht mehr in Festspiel-Freunde, Filmliebhaber und Wissenschaftler spaltet, die alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ihr eigenes Süppchen kochen, sondern, dass man sich koordiniert, verbindet und, die Gemeinsamkeiten hervorhebend, sich gegenseitig stark macht.






Nach der Kaffeepause, die, wie alle anderen Pausen auch, Orte der persönlichen Begegnung und es direkten Austausches ist, beschließen Dr. Johannes Zeilinger mit einem hochinteressanten Überblick über die Entstehung und Geschichte der Karl-May-Gesellschaft mit Schwerpunkt in den 60er Jahren, bei dem noch einmal die alten Differenzen zwischen dem Karl-May-Verlag aus Bamberg und der Gesellschaft streiflichtartig aufblitzen, und der weltmännische Prof. Dr. Dr. h. c. mult Bernd Schünemann (*1944, München), der auf den politischen Bühnen der Welt erfahren ist, mit seiner Quasi-Laudatio auf seinen Doktorvater Claus Roxin unter der Themenformulierung »Karl May: Ein beispielhafter Fall. Claus Roxin und die sozialliberale Reform-Ära« die Vortragsreihe des zweiten Tages. Schünemann weist unter anderem darauf hin, dass aufgrund der bekannten Tatsache, dass »die Negation der Negation des Rechts das Recht wiederherstelle«, Karl May sich selbst resozialisiert habe. Ja, und dem ist auch nichts hinzuzufügen.






Am Abend gab es dann den Karl-May-Film »Der Schatz im Silbersee« (1962) als Kinovorführung auf der großen Leinwand, gekonnt, versiert und atmosphärisch dicht eingeführt von Michael Petzel (*1952), dem wohl bedeutendsten May-Film-Kenner, der sich selbst aber nur »als Fan« sieht. Ein gelungener Abschluss eines tollen Symposiumstages.






Der zweite Tag des Symposiums ist ein in vielen Belangen sehr intensiver Tag. Es ist der vollste – gemessen an der Zahl und Dichte der Vorträge, der inhaltlich (abwechslungs)reichste – respektive der immensen thematischen Breite, und der begegnungslastigste, menschlichste mittlere Zeitraum des Symposiums. Die Dozierenden kommen aus ganz Deutschland, von Berlin bis München, von Bielefeld über Mannheim bis Ulm. Sie berichteten anregend und klug wie es zu erwarten ist, aber sie plaudern auch, und das ist etwas Besonderes im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums, ungewohnt biographisch und bekennen unorthodox Persönliches. Die Karl-May-Gesellschaft öffnet sich. Der Reichtum der Karl-May-Forschung und die Faszination des Phänomens Karl May ist, und das zeigt vor allem und gerade dieser zweite Tag, ungebrochen und noch lange nicht am Ende. Am dritten Tag kommt dann der Abschluss und – so viel darf schon verraten werden, das Beste kommt immer zum Schluss.