Translate/Übersetzung

Sonntag, 27. November 2016

Prohibitionistischer Alptraum im Schlafrock – David Yates’ »Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind«

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, mit welchen Erwartungen ich bei diesem Film ins Kino gegangen bin, allerdings war der erste Eindruck, der sich mir relativ früh regelrecht aufdrängte, und der sich auch bis zum Ende hindurchzog, der, dass David Yates (*1963) hier definitiv keinen Kinderfilm geschaffen hat, auch wenn viele der dargestellten Szenen und phantastischen Figuren auf den ersten Blick genau das sein zu wollen scheinen.

Ein wenig skeptisch war ich schon, immerhin hatte ich mit dem Harry-Potter-Universum (1997-2007, 2016) nach sieben Bänden, einem Bühnenstück und acht Filmen (2001-2010) bereits abgeschlossen, als diese Produktion angekündigt wurde. Aber da Joanne K. Rowling (*1965), um die es zugegebenermaßen in den letzten Jahren etwas ruhiger geworden war, selbst das Drehbuch schrieb, war ich doch mehr als neugierig, wie sie dieses eigentlich schmale 64-seitige Bändchen unter dem Titel »Phantastische Tierwesen & wo sie zu finden sind«, was die literarische Vorlage bildet und was ein lexikalisches Nachschlagewerk ohne irgendeine Handlung ist, in einen abendfüllenden Spielfilm umfunktionieren wollte. 
Das gleichnamige Sequel, das 1926, zeitlich von seiner Handlung also einige Jahrzehnte vor den Ereignissen um den Zauberlehrling wider Willen Harry Potter, angesiedelt ist und damit mitten in die Zeit der Prohibition in den Vereinigten Staaten von Amerika (1920-1933) und der sich anschließenden Großen Depression (1929-1941) fällt, ist also wohl eher ein Prequel, das als Sequel maskiert ist, und eröffnet die Newt-Scamander-Reihe, die als erstes Spin-off der Harry-Potter-Romane gelten darf. Alles in diesem Film scheint irgendwie dergestalt maskiert zu sein, alles schreit förmlich danach, enttarnt zu werden; die Maske, die äußere Fassade, hinter der sich etwas ganz anderes verbirgt, schlängelt sich wie ein leitmotivischer Basilisk von vorne bis hinten durch alles, was man da so vorgesetzt bekommt, hindurch und lässt den Blick des Zuschauers – natürlich im übertragenen Sinne – zu Stein werden. Denn dieses ganz Andere ist nichts Freundliches, Gutes, es ist etwas abgrundtief Verstörendes, Schlechtes und Böses, etwas, dass an die Urängste im Menschen rührt und an die großen Stoffe der Schwarzen Romantik (oder auch Schauerromantik) des 19. Jahrhunderts erinnert.
Newt Scamander (Eddie Redmayne, *1982), der Hauptprotagonist ist einer der merkwürdigsten und nichtsagendsten Charaktere, die mir je untergekommen sind. Er ist ein wenig verschroben, ein Nerd, wie man heute sagen würde, der aus zunächst nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen mit einem Koffer voller magischer Tiere, die er betreut und vor der Ausrottung bewahren will, nach Amerika reist. Später kommt dann heraus, dass er einen Donnervogel namens Frank wieder in seine angestammte Heimat bringen will – ein exzentrischer Tierfreund also. Scamander ist von der Hogwarts-Schule geflogen, weil er das Leben anderer Schüler gefährdet hat. Kein Geringerer als Albus Dumbledore hat sich für ihn eingesetzt, den Verweis aber nicht verhindern können. 

Quelle
Nun wäre es doch spannend, mehr darüber zu erfahren, weil es die Figur menschlicher und greifbarer machen würde. Scamander agiert wie ein fertigausgebildeter Zauberer in allem, was er tut. Er lernt nichts, er entwickelt sich nicht, er fährt stur seinen Stiefel, ohne auf seine Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Und wenn ein als Hauptfigur angelegter Charakter am Ende eines Filmes, dessen Plot als klassische Heldenreise angelegt ist, selbst erklären muss, dass er sich verändert habe, dann ist das mehr als schwach. Aber – ich will das mal nicht zu schwarz sehen –, es sollen ja noch vier weitere Filme folgen, vielleicht macht er ja insgesamt in der geplanten Pentalogie eine entsprechende Entwicklung, die es lohnt, das Schicksal dieses skurrilen Charakters zu verfolgen.

Quelle
Ihm zur Seite stehen die Hexenschwestern Porpentina »Tina« und Queenie Goldstein (Katherine Waterston, *1980, und Alison Sudol, *1984) – ein Schelm, wer bei dem jüdischen Namen eine versteckte Anzüglichkeit vermutet – die eine ist hyperaktiv und arbeitet wenig erfolgreich als Aurorin für den MACUSA – den Magischen Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika –, die andere ist, und das macht sie wesentlich interessanter, introvertiert und eine feinsinnige Telepathin. Ebenso wird er durch einen Muggel, in Amerika nennt man sie No-Maj, namens Jacob Kowalski (Dan Fogler, *1976) unterstützt, der die eigentliche, heimliche Hauptfigur des ersten Teils ist, da er alle Merkmale eines echten Helden im Sinne der Heldenreise erfüllt, und Scamander nach ihrem Zusammentreffen für ihn zu einer Art Mentor in Sachen magische Welt mutiert. 
Kowalski entwickelt sich sichtbar weiter und wenn er sich auch schließlich freiwillig dem Vergessenszauber aussetzt, so bekommt doch am Ende er den wunderschönen Moment, die Rückkehr mit dem Elixier, geschenkt, in dem er seinen Traum, eine Bäckerei zu eröffnen, wahrmacht und bald darauf Queenie im Laden entdeckt, die sich während des Abenteuers in ihn verliebt hat. Scamander ist hier nämlich der alte Haudegen, der in der Zaubererwelt Erfahrene, der den untersetzten Tollpatsch mit dem großen Herz in die neue Wirklichkeit einführt und ihm, nach dem großen Vergessen durch das Geschenk von goldenen Occamy-Eierschalen zur Erfüllung seines Traums befähigt.
Soweit, so gut. Alles hört sich sehr nach Kinderbelustigung an. Die vielen bunten und merkwürdigen Tiere, die gezeigt werden und allerhand anstellen, die eindeutig guten und die eindeutig bösen Zauberer, all das wäre für einen Kinderfilm in Ordnung. Aber da gibt es eben auch die dunkle Seite der Macht, Pardon, Magie, die sich an keinem geringeren amerikanischen Trauma als dem der Hexenprozesse von Salem (1692), die den Höhepunkt der Hexenverfolgungen von Neuengland im 17. Jahrhundert bildeten, orientiert. So gibt es im Film die Second Salemers, eine Gruppe von No-Majs, die sich in der Tradition dieser Hexenverfolgungen sehen und diese fortführen wollen. Sie beherbergen ein besonderes Kind, eine besonders starke Hexe mit entsprechend starken Kräften, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass das, was sie bekämpfen, bereits mitten unter ihnen ist. Auch hier ließen sich eine ganze Menge interpretatorischer Ansätze finden, mit denen man tiefer in das Ganze eindringen könnte.
Der Zauberer Percival Graves (Colin Farrell, *1976), als einflussreicher Auror Mitglied des MACUSA und die rechte Hand der Präsidentin, sucht in seiner Eigenschaft als Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung dieses besondere Kind, allerdings wird noch nicht wirklich klar, wieso er das tut. Er infiltriert die Salemers durch den jugendlichen Credence (Ezra Miller, *1992), den er lange für einen Squib hält. Dieser Credence, der eigentlich ein mächtiger Zauberer ist, durch sein Leben bei den Salemers allerdings gezwungen ist, seine Kräfte zu unterdrücken, erschafft einen sogenannten Obscurus, ein schemenhaftes dunkles Wesen, das aus unkontrollierbarer, dunkler Energie besteht und das durch das Unterdrücken von Zauberkräften entsteht. Es wirkt wie eine Naturgewalt und kann zu großen Zerstörungen fähig sein. Man könnte es als negative, tödliche Seite der Pubertät ansehen, denn normalerweise überleben Zauberer, die Obscuren erschaffen, das Kindesalter nicht.
Diesen Obscurus zu besiegen, wird dann auch zur großen Herausforderung des restlichen Films, der sich nicht davor scheut, ebenfalls so heikle Themen wie die Todesstrafe in den USA, die im Film sogar im Rahmen eines Prozesses in der Zaubererwelt verhängt und vollstreckt wird, zu thematisieren. Ebenso gibt es einige Hinweise auf den Umgang mit Kindesmissbrauch. Und zum Schluss wird auch Percival Graves als kein Geringerer als der Zauberer Gellert Grindelwald, der allen Harry-Potter-Fans bestens bekannt sein dürfte als bösester Zauberer vor Lord Voldemort, von Newt Scamander demaskiert. Für dessen kurzen Gastauftritt am Ende konnte sogar Johnny Depp (*1963) verpflichtet werden.
Fazit: Den Film gemeinhin als schlechten Spin-off der Harry-Potter-Reihe abzutun, wäre verfehlt. Ihn hochzuloben, ebenso. Die Wahrheit hier liegt wohl wie immer zum Teil im Auge des Betrachters und dann in der goldenen Mitte. Der Film und noch viel mehr die dahinterstehende Geschichte und die Zaubererwelt sind mit viel Liebe zum Detail dargestellt und entworfen. Obwohl es sich in dem bereits bekannten Harry-Potter-Universum bewegt, ist es doch durch den Wechsel des Kontinents als Schauplatz durchaus etwas ganz Anderes und hat seinen eigenen Reiz. Der Film ist von seinen Farben durch die Bank weg dunkel gehalten, was ihm einen düsteren, mystischen Look verleiht. Das ist wohl in erster Linie auch den historischen Referenzen geschuldet, die es immer und immer wieder schaffen, die erdachte Handlung zu erden und in den Bereich des Möglichen zu heben. 
Ein bisschen schließt sich das so geschaffene Universum an die schon mehrfach beschriebene und auf diesem Blog immer wieder thematisierte Multiversalitätstheorie an und erweist sich so als sehr zeitgemäße Form des phantastischen Films. Der Obscurus erinnert stark an die Dementoren von Askaban, ist trotzdem in seiner Wirkung sowohl auf die Außenwelt als auch auf die Innenwelt des erzeugenden Zauberers ungleich dunkler, grausamer und bösartiger, und wohl kaum durch einen Patronus oder eine Tafel Schokolade zu besiegen. Harry Potter ist also erwachsen geworden und deswegen sollte man diesen Film nur sehr bedingt Kindern zeigen, da sie den auf Urängste abzielenden, immanenten sehr psychologischen Horror vieler Passagen des Films noch nicht wirklich verarbeiten können. Für den Erwachsenen jedoch, der die Doppelbödigkeit des Plots und die ganzen Anspielungen auf die aktuelle, zeitgenössische, amerikanische Geschichte und Politik durchschaut, wird es spannend bleiben, auch die nächsten Teile zu sehen und zu erfahren, wie sich die amerikanische Zaubererwelt parallel zur englischen weiterentwickelt. 

Donnerstag, 10. November 2016

Von der Meisterschaft, phantastische Welten zu bauen – Bernhard Hennen las in Hilgert/Ww

Wenn es darum geht, das reale Leben in eine faszinierende phantastische Welt umzubauen, so ist Bernhard Hennen (*1966; => Homepage) wohl einer der unangefochtenen Meister. Seit über zehn Jahren gebirt die gewaltige Vorstellungskraft des von Wolfgang Hohlbein (*1953; => Homepage) entdeckten, initiierten und geförderten Rheinländers aus Krefeld schrecklich schöne Traumräume und Andersorte, in denen es von Drachen, Elfen und Zwergen nur so wimmelt; Drachen, Elfen und Zwerge allerdings, die – ganz anders als bei Tolkien zum Beispiel, der einem sofort bei diesen mythologischen Wesen einfällt – hinter ihrer äußeren Fassade allzumenschliche Charaktere erkennen lassen.

Seine Bücher sind trotz ihres beachtlichen Umfangs von durchschnittlich 800 bis 900 Seiten Bestseller, sein Ruf in der literarischen Gattung Fantasy, die er bedient, unangefochten. Seine Leser schätzen seine Akribie und Detailversessenheit und lieben seinen Hang zum Erzählen aus den unterschiedlichsten Perspektiven. 


Seine Lesungen sind nicht nur Lesungen, sie gehen weit darüber hinaus, weiten sich zu ausgedehnten Autorengesprächen aus, in denen sich der sympathische Autor als bodenständig und volksnah erweist und seinen Fans zu allen möglichen Fragen kaum eine Antwort schuldig bleibt. Dafür reduziert er die eigentliche Lesung auf etwa eine Viertelstunde, um dann, was ihm viel wichtiger ist, mit seinen Lesern und Fans ins Gespräch zu kommen, und das kann sich dann schon mal in die Länge ziehen. Eine Länge allerdings, die kaum jemand als unangenehm oder belastend erlebt, eher im Gegenteil, eine Länge, die Lust auf mehr macht, so dass man den Autor anflehen möchte, doch bloß nicht aufzuhören.


Ähnliches konnte man am Abend des 3. November 2016 ab 19:30 Uhr im neugestalteten Gemeindehaus in der Gemeinde Hilgert im Kannenbäckerland am Rand des Westerwalds erleben. Birgit Karnatz, die engagierte und couragierte Leiterin der Gemeindebücherei, hatte Hennen zu einer Lesung in den kleinen Ort eingeladen. Und der berühmte Autor sagte zu und kam. Sympathisch ist er, ganz ohne Starallüren, einer, der sich den Anschein gibt, mit seinen Zuhörern auf einer Ebene zu stehen, ein durch und durch angenehmer Mensch, ein netter Kerl, der gerne mit seinem Publikum angeregt und liebenswürdig plaudert. Ein Familienmensch, der seine Stoffe aus dem Alltäglichen schöpft, um sie dann verfremdet als Fantasyhandlung neu zu erzählen. Als Beispiel brachte er mit seiner sonoren, unaufdringlichen, wohlklingend vollmundigen Erzählstimme eine Anekdote von seiner Tochter und einem Hund, die sich dann später entsprechend bearbeitet in einem seiner Bücher wiederfand. Und besonders dann, wenn er frei erzählt, erkennt man erst die wahre Meisterschaft dieses hochbegabten Schöpfers phantastischer Welten.


Die Anwesenden stellen Fragen, die sich nicht nur auf seinen neuen Roman beziehen, sondern vor allem auf seinen Beruf und seine Passion, das Schreiben, das Leben eines Autors. Und Hennen antwortet weitschweifig und ausgiebig, macht vieles spielerisch an gutverständlichen Beispielen klar, genau so, wie er das in seinen Büchern tut. Dabei teilt er seinem Publikum bereitwillig auch eine Menge Biographisches mit, so unter anderem, wie er nach einem Studium der Germanistik, der Geschichte und der vorderasiatischen Archäologie, von der er fasziniert ist, als Journalist beim Westdeutschen Rundfunk begann. Nach einer Lesung von Wolfgang Hohlbein habe er dem berühmten Autor von einer Romanidee, die er hatte, erzählt, und der hätte ihn spontan gleich mit zu dessen Lektor bei Bastei Lübbe (=> Homepage) genommen und sich dort für ihn so eingesetzt, so dass er einen ersten Autorenvertrag erhalten habe: Hohlbein: »Wenn der Hennen das nicht durchhält, schreibe ich den Roman zuende.«. Es sei ihm geschenkt worden, wofür andere jahrelang hart arbeiten müssten. Für seine ersten Veröffentlichungen hätte ihm Hohlbein sogar großzügig seinen Namen als Co-Autor zur Verfügung gestellt und ihm viel geholfen, was sich natürlich positiv auf den Absatz seiner Bücher ausgewirkt habe.


Besonders eindrucksvoll blieb auch der Bericht von einem Freund in Schweden in Erinnerung, mit dem Hennen nur sonntagnachmittags telefonieren kann und der ihm wertvolle Hinweise liefert, was in den von ihm erschaffenen Welten alles möglich ist und was gar nicht geht. Dieser Abgleich seiner phantastischen Entwürfe mit dem real Möglichen sorgt in seinen Romanen für genau die Authentizität, die seine Leser und Fans so schätzen und immer wieder erleben wollen; mit einer solchen Qualität hebt er sich aber auch von seinen anderen fantasyschreibenden Kollegen ab, es ist ein besonderes Alleinstellungsmerkmal.




Leider erschienen zur Veranstaltung nur knappe fünfzehn Teilnehmer, was auf den ersten Blick wenig erscheint, für die Region allerdings, zieht man andere kulturelle Veranstaltungen dieser Art zum Vergleich heran, dennoch schon ein Menge ist. Der Westerwald ist und bleibt ein kulturell schwierig zu beackerndes Gelände, darüber darf man sich keinesfalls hinwegtäuschen, dennoch dürfen sich engagierte Veranstalter auch weiterhin nicht davon abhalten lassen, solche Veranstaltungen auszurichten. Denn steter Tropfen höhlt bekanntlich ja den Stein, auch wenn er ein besonders harter Basalt ist. Denn die Fünfzehn, die da waren, erlebten einen tollen, einen phantastischen und zauberhaften Abend, der noch lange im Gedächtnis haften bleiben wird.

Hier geht es zum dem im Anschluss mit dem Autor geführten Interview, dessen Verschriftlichung ich einen eigenen Blogeintrag gewidmet habe: N.N.






Dienstag, 8. November 2016

Multiversale Rekonvaleszenz oder »Der Tod gibt dem Leben Bedeutung« – Scott Derricksons »Doctor Strange«


Was ist Zeit? – Hat sie ein ihr eigenes Wesen? – Kann es etwas »jenseits der Zeit« geben? – Eine Existenz? – Ein Sein? – Eine Dimension? – Mehrere Dimensionen? – Ein Universum? – Ein Multiversum? – Das sind nicht nur sehr spannende Fragen, die in der Philosophie und der Theologie schon seit der Antike gestellt werden, sondern es sind auch sehr moderne, zeitgemäße Fragen, die sich wunderbar in die von dem Physiker Hugh Everett III. (1930-1982) im Jahr 1957 im Rahmen der Quantenmechanik initiierte Multiversum-Theorie (Viele-Welten-Interpretation) einfügen lassen und dort sogar Antwortmöglichkeiten erfahren.

Die Unterhaltungsindustrie, die heutzutage nicht mehr nur auf der klassischen Literatur und ihren Genres basiert, sondern eben oft auch auf den Comics dieser Zeit, transportiert die Ideen und Weltanschauungstheorien nun zeitversetzt in die aktuelle Gegenwart, die vorher im Rahmen der Science-Fiction und der Phantastik weiterentwickelt, konkretisiert und eben auch erst einmal thematisiert wurden. Und da bildet auch der gleichnamige Film des US-amerikanischen Drehbuchautors und Regisseurs Scott Derrickson (*1977) über den Magier wider Willen Dr. Steven Strange keine Ausnahme.


»Dr. Seltsam« (Benedict Cumberbatch, *1976) gehört, wie schon sein Name suggeriert, zu den »seltsamsten« Gestalten des Marvel Cinematic Universe. Das liegt zunächst einmal darin begründet, dass er sich, im Gegensatz zu den übrigen Helden, die sich ja als »Avengers (Die Rächer)« zusammengetan haben, um die Welt vor den physischen Gefahren zu schützen, gegen alle mystischen Bedrohungen und magischen Entitäten stellt, die die Erde erobern und die Menschheit versklaven wollen. Was läge da näher, als einen renommierten, erfolgreichen Arzt zu nehmen, der als Chirurg unglaublich schwierige Operationen mit spielerischer Leichtigkeit meistert. Denn wohin gehen wir, wenn’s wehtut? Wer hilft – sprich: heilt – uns? Richtig. Der Onkel Doktor.


Dass dieser Doktor ein überheblicher, selbstgefälliger und grenzenlos arroganter Sack zu sein scheint, der sich im vermeintlich eigenen Ruhmeslicht zu sonnen pflegt, macht ihn da nur um so sympathischer, da er die niedrigsten menschlichen Schwächen in Vollendung zur Schau stellt, hinter dieser Fassade aber ein unglaublich verletztlicher Zeitgenosse ist, der sich dem Hypokratischen Eid bedingungslos unterordnet. Das rechtfertigt natürlich in keinster Weise die Art, wie er mit Frauen umgeht, vor allem mit der eigenen Freundin oder auch Nichtfreundin Christine Palmer (Rachel McAdams, *1978).


Stephen Strange, der auf seinen Doktortitel vehement besteht – »Doktor Strange!« – »Mr. Doktor?« – »Es ist Strange!« – »Mag sein. Wer will das beurteilen?« – wird eines Tages aufgrund eines Autounfalls, den er selbst verschuldet hat – im Übrigen ist das eine herrliche, äußerst gelungene Warnung vor dem, was passieren kann, wenn man während der Autofahrt mit dem Smartphone spielt – aus seinem bisherigen, scheinbar perfekten Leben gerissen. Seine Hände, seine Werkzeuge, Garanten seines Erfolgs, werden nachhaltig so beschädigt, dass er den Beruf des Chirurgen, in dem er so geglänzt hat, nie mehr ausüben kann. Doch damit findet er sich nicht ab, versucht alles, um seine Hände wieder reparieren zu lassen, denn er sieht in einem anderen Dasein, einer anderen Lebensweise keinen Sinn. 


Auf seiner Suche kommt er an einen Ort namens Kamar-Taj in Nepal, an dem er von einer relativ unsterblichen Meisterin (Tilda Swinton, *1960), die nur »die Älteste« genannt wird, in die Geheimnisse der Mystik und der Magie eingewiesen und darin unterrichtet wird. Er freundet sich mit Mordo (Chiwetel Ejiofor, *1977) an, einem Meister – die Verwendung dieses Titels klingt verdächtig nach »Meister Jedi« –, dessen Fürsprache ihm das dortige Studium erst ermöglicht. Dass der Name Mordo – erinnert verdächtig an »Mordred« aus der Artus-Epik, »Mordor« aus Tolkiens »Herrn der Ringe« oder sogar an »Mord« – trotz allem nichts Gutes verheißt, sorgt für eine gewisse Erwartungshaltung.


Und so nimmt die klassische Heldenreise nach Joseph Campbell (1904-1987) und Christopher Vogler (*1949) ihren Lauf. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hilft ihm seine angeborene Fähigkeit vermittels eines fotografischen Gedächtnisses, durch beständiges »Lernen und Üben, und das über viele Jahre« die Schwelle zu einem neuen Leben in einem neuen Realitätsempfinden zu überschreiten und seinen »Geist davon zu überzeugen«, dass Dinge möglich sind, die den Gesetzen der Physik absolut widersprechen. Natürlich gibt es auch die üblichen Feinde. Da wäre ein abtrünniger Schüler der Ältesten, Meister Kaecilius (Mads Mikkelsen, *1965), der sich, samt seinen Schülern, von einem mächtigen Wesen blenden lässt, das ihm ein »interdimensionales New-Age-Utopia« verspricht, und natürlich dieses mächtige Wesen namens Dormammu selbst.

Quelle
Begrifflichkeiten der Religions-, Philosophie- und Geistesgeschichte erfahren eine Umdeutung: So werden die Anhänger Dormammus hier »Zeloten« genannt. Die Zeloten waren allerdings gemäß der jüdisch-christlichen Bibel bestimmte religiöse, jüdische Eiferer – das griechische Ursprungswort bedeutet eben genau das: Eiferer –, die eine paramilitärische Widerstandsgruppe der Juden gegen die römische Besatzungsmacht bildeten. In späteren Zeiten wurden generell religiöse Fanatiker als Zeloten bezeichnet. Ein anderer Begriff, der eine andere Bedeutung erhält, ist »Reliquie«. Ursprünglich sind damit Körperteile oder Teile aus dem Besitz eines in der Regel christlichen Heiligen gemeint, der eine kultische Verehrung erfährt. In »Doctor Strange« sind es Gegenstände, in die gewisse magische Substanzen sowie Emotionen und Bedürfnisse gebannt werden, um sie besser kontrollieren zu können. Schließlich ist die Älteste eine jahrhundertealte Keltin, also Angehörige eines Volkes, um das sich ebenso viele Mythen wie Geheimnisse ranken. Das Wort selbst bezeichnet im Indogermanischen etwas Mächtiges, Erhabenes und Starkes.


Diese Umdeutungen passen aber sehr gut zu jener hochinteressanten Mixtur aus asiatischer Mystik und Weisheitslehre und westlich-religiösen Versatzstücken, die in »Doctor Strange« eine interessante und durchaus ausbaufähige Symbiose eingehen und dem Film so etwas bisher nie Dagewesenes und Neues angedeihen lassen. Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben ist die treibende Kraft im Film. Die großen Bösewichte schöpfen aus dieser Sehnsucht ihre Antriebskraft und selbst die Älteste kann sich dem nicht wirklich und ganz entziehen. Sie lehrt Strange, dass wahre Kontrolle aus der Aufgabe von Kontrolle entsteht, dass die Absicht, alles kontrollieren zu können, eine reine Illusion ist. Sie entlarvt durch diese Paradoxa seine Arroganz als schlichte permanente Versagensangst und macht ihm schließlich und endlich durch ihr eigenes Handeln klar, dass man manchmal die Regeln brechen muss, um das Richtige zu tun. Auch den Umgang mit dem Tod lehrt sie ihn, denn der Tod, so ihre Einsicht, gibt dem Leben erst die wahre Bedeutung, den Sinn, die Erfüllung, die durch nichts sonst erklärt werden kann. Schließlich ist der Film auch eine Auslegung und Interpretation des Symbols Weg in all seinen Facetten und Möglichkeiten. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, den er finden, erkennen und schließlich gehen muss, um sich selbst und damit den Sinn seines Daseins ergründen und erfüllen zu können.


Fazit: Marvel ist da mal wieder ein rundum gelungener Film geglückt, der zum einen neue phantastische Welten eröffnet, das Bewusstsein erweitert, spielerisch die Grundlagen der Quantenphysik erklärt, tolle schauspielerische Leistungen mit interessanten, tiefgründigen Charakteren und einem von überraschenden Wendungen nur so strotzenden Plot verknüpft und einfach Lust auf mehr macht. Außerdem bringt Doctor Strange mit dem Mystisch-Unbewussten neben dem Wissenschaftlich-Logischen und dem Mythologischen eine neue Facette ein, die so den Marvel-Filmen bisher fehlte. So macht ins Kino gehen endlich wieder Spaß. Ich selbst habe den Film zweimal im Kino angesehen und das kommt wirklich selten vor. Man wird nicht für blöd verkauft, fühlt sich aber auch nicht wie ein Student im Vorlesungssaal einer Universität. Man darf also gespannt sein, wie es weitergehen wird, und weitergehen wird es, denn echte Marvel-Fans bleiben ja bis zum Ende sitzen, bis zum absoluten Ende, nicht wahr?


Samstag, 1. Oktober 2016

Zur Wiederentdeckung eines alten Begriffs – »Jenseits der Ironie. Dialoge der Barmherzigkeit«

Barmherzigkeit. Nicht nur ein Wort, ein Begriff, vielmehr eine Lebenshaltung, ein Wert, eine Tugend, die eingeübt werden will. Begreift man Barmherzigkeit etymologisch, so steckt das mittelhochdeutsche »Erbarmen« darin, also das »Ergriffen sein bis zum Herz«. Barmherzigkeit ist aber auch ein Indikator für die Asymmetrie des Seins, die sich darin ausdrückt, dass es Menschen gibt, die Mittel besitzen und andere, die nichts haben. Der Barmherzige muss sich aber auch in Demut üben, denn sonst verführt ihn Barmherzigkeit zu Stolz. Jenes »Samariterdilemma« zeigt aber wiederum auch die alltägliche Seite der Barmherzigkeit auf: das Mitgefühl. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld, dass die Zivilgesellschaft auffordert, sich viel stärker in die Gesamtgesellschaft einzubringen, die ja durch und durch eine Leistungsgesellschaft ist, deren Grundlage der Individualismus bildet. Der »Gutmensch« wird ironisch verändert, vor allem aber durch Vertreter einer »professionellen« Barmherzigkeit wie die Caritas, die Diakonie und den Samariterbund.

Thomas Menges
Beate Glinski-Krause
Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski
Martin W. Ramb
Mit diesen komplexen Zusammenhängen rund um den brandaktuellen Versuch einer Neuentdeckung eines sehr alten Begriffs, befassen sich die vierzig Beiträge des neuen Buchs »Jenseits der Ironie. Dialoge der Barmherzigkeit«, das, herausgegeben von Martin W. Ramb und Holger Zaborowski, soeben im Wallstein Verlag (=> Verlagshomepage) erschienen ist. Am Sonntag, 25. September 2016, wurde das Werk in der evangelischen Kirche in Höhr-Grenzhausen im Rahmen einer Veranstaltung des Formates »Denkbares. Begegnungen mit Menschen und Büchern« vorgestellt. Ganz im Sinne des Titels waren die beiden Herausgeber und die Autorin Beate Glinski-Krause, die eigens aus Frankfurt angereist war, erschienen, um im Rahmen eines Dialogs, den Thomas Menges moderierte und der von der Gastgeberin, Pfarrerin Monika Christ, trefflich eingeleitet und den Geschwistern Franziska und Christina Dörschel mit der Klarinette musikalisch eingerahmt wurde, miteinander über den scheinbaren Widerspruch zu diskutieren, den wiederum der Titel aufwirft: Was hat Barmherzigkeit mit Ironie zu tun?

Monika Christ
Franziska und Christina Dörschel





Ironie (altgriech. εἰρωνεία eirōneía = Verstellung, Vortäuschung) hat zwei Seiten, eine menschliche und eine beißende, spöttische. Die Ironie, die hier gemeint ist, ist eine distanzierte Ironie, eine, die mit allem nichts zu tun haben möchte. Und da Barmherzigkeit immer, nach Martin Buber (1878-1965), dialogisch gedacht werden muss, weil sie das Verhältnis von Ich und Du auf besondere Weise thematisiert, ist Barmherzigkeit in der Tat »Jenseits der Ironie«, denn der Dialog ist etwas, das mit allem direkt zu tun hat.






Die einzelnen Texte der vierzig Autoren, unter denen sich so renommierte Namen wie Martin Walser (*1927), Ulla Hahn (*1945) und Patrick Roth (*1953) befinden, sind irgendwie durch einen roten Faden miteinander verbunden, der sich als Dialog um Begriffe wie Soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Füreinander da sein, Herz zeigen, usw. manifestiert. Es sind Texte unterschiedlichster Gattungen und Themen. Selten hat wohl ein Sammelband mit seinen um einen Begriff kreisenden Beiträgen so viel Spaß gemacht und so viel Anregendes geboten, obwohl es »Jenseits der Ironie« auf den ersten Blick nichts zu Lachen gibt.