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Montag, 22. August 2016

»Fremd. Ein Flüchtlingsschicksal in Deutschland« – Resümee und Interview zu einem Schulprojekt


Vom 11. bis 14. Juli 2016 fand in der Ernst-Barlach-Realschule plus in Höhr-Grenzhausen (=> Homepage) unter dem Motto »Tage der Begegnung« eine Projektwoche statt, in der die Schülerinnen und Schüler Schule einmal ganz anders erleben konnten. Statt dem Regelunterricht wurden freie Projekte angeboten. Das hatte es 2015 schon einmal gegeben, damals allerdings ohne festes Motto. Die letzte Schulwoche wurde einmal anders gestaltet und die Erfahrungen waren durch die Bank positive. Nicht nur den Kindern und Jugendlichen machte es sichtlich ungeheuren Spaß, auch den Lehrerinnen und Lehrern ging die Arbeit einmal ganz anders von der Hand, nicht unbedingt leichter, aber man war doch mit wesentlich mehr Elan und Freude bei der Sache.


Das übertrug sich auf alle Beteiligten. Bereits das ganze Schuljahr hindurch hatte es verschiedene Veranstaltungen gegeben, die sich alle dem Thema »Begegnungen« widmeten. Insbesondere ging es um die Flüchtlingsproblematik und das Kennen lernen und Verstehen der Flüchtlinge und ihrer Situation. So hatte es unter anderem am Elternsprechtag ein »Café der Begegnung« gegeben und eine Abendveranstaltung, die als »Konzert der Begegnung« deklariert war.



Für unser Projekt begannen wir schon einige Wochen im Voraus mit der Arbeit. Wir trafen uns nachmittags in der Schule mit einem vierköpfigen Team, alles Schüler aus der Oberstufe unserer FOS (Fachoberschule), und entwickelten ein Drehbuch. Die Idee war, das Schicksal eines syrischen Flüchtlings von der Flucht nach Deutschland bis zur Integration in unsere Gesellschaft zu zeigen, mit allem, was dazugehörte. Ein ehrgeiziges Unterfangen. Der Inhalt des Drehbuchs wurde von der Jugendschutzstelle der Kreisverwaltung Westerwald und der Polizei Koblenz für unbedenklich erklärt und als Projekt zur Darstellung der aktuellen Flüchtlingsthematik eingestuft.





Als das Drehbuch fertig war, wurde uns rasch klar, dass wir die ganzen vier Projekttage zum Drehen brauchen würden. Im Jahr zuvor hatten wir zweieinhalb Tage gedreht und einen halben Tag und eine ganze Nacht geschnitten. Das würde hier so nicht mehr funktionieren, dafür war das Material zu umfangreich.


Also wurde ein Drehplan geschrieben, es wurde die Technik mehrfach erprobt. Wir drehten mit einem Camcorder (Panasonic HC-X909), einer DSLR-Kamera (Canon EOS 700d mit einem Tamron 18-270mm F/3.5-6.3 Objektiv) und einer Bridge-Kamera (Praktika Luxmedia 16-Z21C). Hinzu kamen zwei separate Tonmikrophone (Rode NTG 2 und Yamaha Pocketrak W24), alles in allem also keine technisch wirklich brillante Ausstattung, aber auch keine ganz schlechte. Finanzielle Unterstützung gab es keine, also musste es damit irgendwie gehen.


Die Verbandsgemeinde und die Städte Höhr-Grenzhausen und Bendorf (=> Homepage) sowie der Meisterbetrieb Schreinerei Lellig GmbH, in Bendorf, erteilten bereitwillig die Drehgenehmigungen. Die Metzgerei Kleppel sorgte während des Drehs für die Verpflegung.



An den vier Tagen drehten wir in Bendorf (alle Szenen im Ausland, vor allem Syrien-Kriegsgebiet und das Auffanglager an der österreichischen Grenze) und Höhr-Grenzhausen (die Szenen in der Schule und im Park). Für die kurze Sequenz am Meer kamen wir in die naturnahe Wassererlebniswelt Schwimmteichanlage Linderhohl, wo wir dann sogar einen großen Greenscreen benutzen konnten.





Der Kollege Martin Salmann, seines Zeichens Hauptfeldwebel a. D. mit Erfahrungen aus Afghanistan beriet unsere jugendlichen Schauspieler in allen militärischen Fragen und wies sie in die Aufgaben eines Soldaten ein.





Frau Dipl. Reha.-Psych. (FH) Steffi Irmscher-Grothen aus München gab sachdienliche Hinweise, die psychologische Situation der Flüchtlinge betreffend, und die DaZ-Fachkollegin Bettina Hahn-Müller, die an der Schule auch die Flüchtlingskinder in der deutschen Sprache unterrichtet, sowie die Kollegin Anne Herrig setzen sich unermüdlichen für das Projekt ein. Ich weiß nicht, ob wir es ohne sie geschafft hätten.


Da eigentlich Bedeutsame an der ganzen Sache war aber die Besetzung. In den Hauptrollen sind im Film echte syrische Flüchtlinge zu sehen, die das alles erlebt hatten und deswegen wohl diese Rolle am authentischsten verkörpern konnten. Sie brachten das originale Arabisch mit, was wir haben wollten, sie waren ungeheuer fleißig und engagiert, freundlich, kollegial und kommunikativ. Wir haben viel von ihnen gelernt und feststellen dürfen, dass es einfach sehr angenehme und tolle Menschen sind.


»Ich finde, es ist einfach angebracht, solche (ich nenne es mal) Aktionen zu machen. Denn so können die Schüler mehr mit solchen Situationen anfangen, weil es vorher so weit weg ist. Ich konnte mich durch dieses Projekt viel mehr mit den Flüchtlingen identifizieren, auch wenn es nur gespielt war. Die Flüchtlinge waren ja echte.« (Susanne Heuser, 10d)


Martin Ramb, seines Zeichens Schulamtsdirektor i. K. des Bistums Limburg und Chefredakteur des EULENFISCHs, der religionspädagogischen Fachzeitschrift (=> Homepage), führte mit mir diesbezüglich ein Interview, das ich im Folgenden verschriftlicht wiedergebe.

Martin Ramb:
Warum macht man so was in der Schule?

Peter Wayand:
Wir haben in der Schule einige Veranstaltungen zum Thema »Begegnungen« gemacht, ein »Begegnungscafé«, ein »Konzert der Begegnungen«, und die Projektwoche stand unter dem Motto: »Woche der Begegnungen«. Also haben wir beschlossen, dem Schicksal der syrischen Flüchtlinge zu begegnen und deren Situation darzustellen und um Verständnis zu werben.

Martin Ramb:
Hängt das mit mit der Zusammensetzung der Schülerschaft zusammen?

Peter Wayand:
Eindeutig ja, wir haben eine Menge Flüchtlingskinder, die bei uns zur Schule gehen und den DaZ-Unterricht besuchen (Deutsch als Zweitsprache), den man ja auch in einer Szene des Films sehen kann.

Martin Ramb:
Gibt es einen lokalen Anlass?

Peter Wayand:
Der lokale Anlass war das Konzept »Begegnungen«, das während des gesamten letzten Schuljahrs immer ein Thema war.

Martin Ramb:
Wie ist es den Schülern mit dem Film ergangen?

Peter Wayand:
Also die Schülerinnen und Schüler haben sehr viel während des Filmprojekts gelernt, nach eigenen Aussagen können sie sich nun viel besser in die Situation der Flüchtlinge hineinversetzen. Sie haben sich gegenseitig viel beigebracht, nicht nur was die Sprache betrifft, sondern auch viel Kulturelles. Es sind Freundschaften entstanden, die keine Ländergrenzen und keine Kulturunterschiede kennen. Man lernt voneinander. Die weiteren Reaktionen muss man jetzt, nachdem der Film dann auf YouTube veröffentlicht worden ist, erst einmal abwarten. Wir haben den Film allerdings bei den 63. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen eingereicht.

Martin Ramb:
Als Religionslehrer haben Sie sicher auch einen besonderen Blick auf das Thema »Flucht«. Wie findet das Thema Raum in Ihrem RU?

Peter Wayand:
Die »Flucht in die Fremde« ist ein zentrales Motiv der Bibel. Jesus selbst war ein Flüchtling in Ägypten und das bereits kurz nach seiner Geburt. Christen sind durch ihre gesamte Geschichte hindurch verfolgt worden und mussten flüchten, auch heute noch, wenn man sich zum Beispiel mal das Schicksal der Eziden ansieht.
Christen nehmen aber auch Flüchtlinge in Barmherzigkeit auf und kümmern sich um sie. Auch das ist ein zentrales Motiv der Bibel. »Was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan.« (Mt 25,40) Die Fluchtthematik wirkt also in beide Richtungen: Nach außen, in dem jemand aus seinem angestammten kulturellen Umfeld weggehen muss, und nach innen, in dem er in einem neuen kulturellen Umfeld aufgenommen und angenommen wird, ohne, und das ist die Verbindung zum Grundgesetz, dass man nach seiner Rasse, seiner Herkunft, seiner Religion oder Weltanschauung fragt. Fliehen und ankommen, Flucht und Aufnahme, das sind die zwei Seiten einer Medaille.



Fazit: Der Projektfilm »Fremd« ist nun endlich abgeschlossen und kann auf YouTube angesehen werden. Es ist unser zweiter Film, der erste hieß »Extrem«, wurde 2015 gedreht und befasste sich mit der Drogenprävention. Film ist, wie Theater ja auch, didaktisch gesehen immer als Makromethode zu verstehen, mit der sehr viele, unterschiedliche Aspekte und Formen des Lehrens und Lernens angeregt und aktiviert werden können. Rückblickend muss ich sagen, es hat uns doch sehr viel Zeit, Kraft und Energie gekostet, aber ich denke, alle Beteiligten haben da eine sehr stressige und doch schöne und tolle Zeit gehabt und wertvolle Erfahrungen gesammelt, die sie nicht mehr missen mögen. Und darauf kommt es letztlich doch an. Ich kann ein solches Projekt nur uneingeschränkt empfehlen.



Sonntag, 21. August 2016

DCs Bilderbuch-Soziopathie im faustischen Gangsterstyle – David Ayers »Suicide Squad«

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»Incubus! Incubus!
Tritt hervor und mache den Schluß.«
(Goethe, Faust I, Z. 1290-1291)

Man stelle einen großen Topf auf den Herd, werfe unter ständigem Rühren ein paar extrem durchgeknallte Super-Antihelden mit menschlichem Innenleben hinein, nenne sie »Metawesen«, füge einen Batman- und einen Flash-Cameo hinzu, lasse eine extraterrestrische, uralte, prä-archaische Hexe auf die Menschheit los, würze das Ganze mit einer weiblichen Samurai-Nachahmung und ein wenig europäischer Dämonologie für den Hausgebrauch und fertig ist das filmische ... Halt! So einfach ist es denn dann doch nicht.

Ich muss zugeben, die Trailer hatten mich nicht wirklich geflasht, was aber auch daran liegen könnte, dass es die Comics, auf denen dieser Film basiert, noch nicht gab, als ich in den 1980ern noch Comics las ... las? Ach was, verschlang! Hauptsächlich Batman und Superman, allerdings auch sehr oft die Konkurrenzcomics von Marvel. Trotzdem wollte ich den Film sehen, irgendwas an ihm zog mich dann doch ins Kino.
Die Handlung ist relativ schnell erzählt: Amanda Waller (Viola Davis (*1965)), eine geheime Regierungsbeamtin – ihre wirkliche Stellung bleibt im Dunkeln, stellt eine Einheit von unglaublich gefährlichen, metabegabten Superschurken zusammen, zwingt sie durch eine Minibombe (Nano-Implantat), die man ihnen in den Hals impliziert, für sie in lebensgefährliche Einsätze zu gehen und die Welt gegen übernatürliche Bedrohungen zu verteidigen. Fertig ist das »Selbstmordkommando«-Setting, man macht den Bock zum Gärtner, und generiert eine Menge Pseudo-Antisuperhelden, die sich selbst, und über weite Strecken auch das schwache Drehbuch, tragen müssen und deren Schauspieler, aufgrund ihres hohen Könnens und ihres großen Formates doch tatsächlich aber der zweiten Hälfte des Films eine Tiefe in das Ganze bringen, die man nach der ersten Hälfte weder erwartet noch vermutet hat.

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Doch der Reihe nach. Gero von Wilpert (1933-2009) definiert in seinem »Sachwörterbuch der Literatur« den Antiheld im Gegensatz zum Held als »eine solche Hauptfigur in ep.(ischen) und dramat.(ischen) Werken, die alle heroischen und aktiven Charakterzüge entbehrt, keine Initiative zeigt und den Ereignissen hilflos und handlungsunfähig, mit strikter Passivität bzw. Resignation und Langeweile gegenübersteht.« (vgl. Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, 8., verbesserte und erweiterte Auflage, Stuttgart: Kröner 2001, S. 33)
Die Anti-Superhelden, die hier eingeführt werden, zeigen allerdings in besonderem Maße heroische und aktive Charakterzüge, ergreifen relativ schnell die Initiative und stehen den Ereignissen weder hilflos oder handlungsunfähig noch passiv oder resignativ gegenüber. Sie sind also wahre Helden und nur dadurch, dass sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, Mörder- und Verbrecherbiographien aufweisen können, also üble Jungs und Mädchen sind, werden sie noch lange nicht zu klassischen Antihelden. Dies zum einen.
Zum anderen muss man sich klarmachen, dass es sich hier erst um eine Exposition handelt. Bei der Menge unterschiedlicher Charaktere, die die Suicide Squad beherbergt, benötigt das natürlich seine Zeit. Jede Figur will nachvollziehbar gezeichnet und ihre Hintergrundstory muss in das Ganze eingebunden sein. Und das geht natürlich zulasten des Plots, der dadurch arg verkürzt wird und an Plausibilität einbüßt, gerade, was die übernatürlichen Vorgänge betrifft. Sehen wir uns also die Truppe einmal an.

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Da wäre zunächst die Geliebte des Jokers Dr. Harleen F. Quinzel oder kurz Harley Quinn (Margot Robbie (*1990)) genannt, die, ursprünglich eine Psychologin, aufgrund ihrer echten Liebesbeziehung zu Joker (Jared Leto (*1971)) sich selbst zu dessen weiblicher Ausgabe macht und mithilfe ihrer weiblichen Reize alle Blicke auf sich zieht, dann der nie daneben schießende Profikiller Floyd Lawton alias Deadshot (Will Smith (*1968)), der sich nach einem Leben als Familienvater sehnt, als der er versagt hat, der bei ansteigendem Aggressionspotential zur menschlichen Fackel – Achtung! Die Fantastischen Vier lassen grüßen! – mutierende Diablo (Jay Hernández (*1978)), der scheinbar wirklich einen Vertrag mit der Hölle hat und total entflammt wie ein typischer Teufel aussieht, dem Dieb Captain Boomerang (Jai Courtney (*1986)), der, seinem Namen gemäß, mit messerscharfen Metallboomerangs gekonnt um sich schmeißt (vgl. Arrow, Staffel 3, Episode 8), dem Söldner Slipknot (Adam Beach (*1972)) und dem nichtmenschlichen Killer Croc (Adewale Akinnuoye-Agbaje (*1967)), der optisch einem Krokodil nachempfunden ist.
Die gesamte Truppe wird unter das Kommando des zunächst widerstrebenden Oberst Rick Flag (Joel Kinnaman (*1979)) gestellt, der auch das entsprechende (emotionale) Bindeglied zu ihrem ersten und im Rahmen der Handlung auch einzigen Auftrag bildet. Denn dessen Freundin, die Archäologin Dr. June Moone (Cara Delevigne (*1992)) ist von der eingangs schon erwähnten prä-archaischen Hexengöttin Enchantress (engl. für »Zauberin«, »Hexe«, »bezaubernde Frau«) besessen. Die beiden Seelen in dem Körper der attraktiven Frau können durch das Schlüsselwort »Entchantress« jeweils die Führung über den einen Körper übernehmen. Ein unfreiwilliger faustischer Effekt (»Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust,/Die eine will sich von der andern trennen.« Goethe, Faust I, Z. 1112-113), der hier eine ganz andere Art der Interpretation eröffnet.
Diese Enchantress flieht nämlich, befreit ihren Bruder Incubus, um, wie zu erwarten, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Hier sollte man sich daran erinnern, dass in den Hexenprozessen des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit der »Incubus« (von lat. incumbere = sich auf etwas legen, auf etwas schwer lasten) die männliche Verkörperung des teuflischen Dämons ist, der mit den Frauen den Beischlaf vollzieht. Er ist die Gegengestalt des weiblichen »Succubus« (von lat. succumbere = sich einem Mann hingeben), der mit Männern geschlechtlich verkehrt. In der damaligen Zeit galten beide Formen als Manifestationen des Satans, der auf diese Art und Weise mit den Menschen verkehrte. Auch hier gibt es einen Bezug zu Goethes Faust, den ich eingangs schon erwähnte. Die Enchantress allerdings hier als Succubus zu bezeichnen, nur weil ihr Bruder den Namen Incubus trägt, geht wohl etwas zu weit. Man sieht aber mal wiedersehr schön, wie Filmemacher, Drehbuch- und Comic-Autoren mit solchen Begrifflichkeiten spielen und auf diese Art und Weise dafür sorgen, dass dieses alte Wissen nicht verloren geht und – wenn auch nicht immer korrekt – tradiert wird.
Flag bekommt zu seinem Schutz noch als eine Art Bodyguard eine weibliche Schwertkämpferin zur Seite gestellt, die auch noch auf den Namen »Katana« (Karen Fukuhara (*1992)) hört. Das Katana ist das japanische Samurai-Schwert. Das Katana, dass sie mit sich führt, ist aber auch auf mysteriöse Weise magisch, denn es beinhaltet einen Geist. Dieser Charakter ist auf seine Art eine interessante, indirekte Reminiszenz an den Titel des Films. Denn das Selbstmord-Kommando geht ja zurück auf die Shimpū Tokkōtai, die Kamikaze-Spezialtruppen der Japaner, die in den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkriegs 1944 und 1945 durch Selbstmordangriffe gegen Schiffe der United States Navy, Royal Navy und Royal Australian Navy zu einer zweifelhaften Berühmtheit gelangten.
Die Truppe muss nun also gegen diese Bedrohung zu Felde ziehen. Und, so viel darf schon mal verraten werden, natürlich gelingt es, unter Aufbietung aller Kräfte und vor allen Dingen im Team vereint, die Gefahr abzuwenden. Doch das ist nicht das eigentlich Interessante an dem Film, dessen Plot ruhig zu vernachlässigen ist. Das eigentlich Wichtige sind hier die Charaktere und ihre Entwicklung. In diesem Fall setzt sich der Film mit der tief verwurzelten Soziopathie der Amerikaner auseinander und spiegelt den oftmals scheiternden Bewältigungsversuch der nationalen Vergangenheit und Geschichte. Glaubt man dem entsprechenden Wikipedia-Artikel, bezieht sich nämlich die heutige Bedeutung des Begriffes Soziopath »entweder auf psychopathische Personen, die nicht oder nur eingeschränkt fähig sind, Mitgefühl zu empfinden, sich nur schwer in andere hineinversetzen können und die Folgen ihres Handelns nicht abwägen können, oder – gemäß anderer Definitionen – sind Soziopathen keine Psychopathen, sondern grundsätzlich zur Empathie befähigt, verhalten sich aber dennoch antisozial.« (abgerufen am 21.08.2016, 17:56 Uhr) Da dies ein Begriff aus der anglo-amerikanischen Psychiatrie ist und es sich hier um einen US-amerikanischen Film handelt, kann man die Mitglieder des »Selbstmord-Kommandos« ruhig im Sinne der zitierten anderen Definitionen als Soziopathen bezeichnen.
Und so ist die beste und auch vielleicht wichtigste Szene, die den ganzen Film rettet, die ihm eine ungeahnte Tiefe und Aussage verleiht, gerade eine Szene, in der keine Action vorkommt, eine Szene, die man am besten als die Ruhe vor dem Sturm bezeichnen könnte und in der die Schauspieler in einer Art Kammerspiel im Gangsterstyle die verschiedenen Seiten ihres jeweiligen Charakters beleuchten. Sie sprechen miteinander, setzen sich mit dem Gegenüber auseinander, gestehen sich ihre Übeltaten, verachten einander für das, was sie getan haben, fordern sich aber auch gegenseitig dazu auf, zu dem zu stehen, was man verbrochen hat, da man es nicht ungeschehen machen, sondern im besten Fall nur verarbeiten kann. Diese Szene, diese Selbsthilfegruppe widerwillen, dieses Kammerspiel innerhalb des großangelegten Action-Dramas ist nach meinem Dafürhalten eine wahre Perle der Filmgeschichte und allein deswegen sollte man sich »Suicide Squad« ansehen. 
Denn es gilt – mal wieder –, hinter all der exzessiven Gewalt, hinter all dem Macho-Superhelden-Getue, hinter all den knallharten Schalen den Menschen zu sehen, der durch Erfahrungen und die eigenen Taten im Leben zu dem wurde, was er ist. Und wieder bewahrheitet sich die alte Wahrheit, die bereits Danny DeVito (*1944) 1994 in »Mr. Bill (Renaissance Man)« seinen Schülern einbläut: »Die Entscheidungen, die wir treffen, bestimmen das Leben, das wir führen. Bleib dir selber immer treu.«
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass »Suicide Squad« ein typischer erster Akt ist, eine weit ausgreifende Exposition, die sich zwar den halben Plot zerschießt, weil sie eine Menge neuer alter Charaktere einführen muss, was zu Ungunsten der Logik der Geschichte geht, die aber eine erstaunliche Leistung im Bereich der amerikanischen Gesellschaftskritik vollbringt, indem sie sich – zugegebenermaßen im Gangsterstyle – an das schwere Thema der amerikanischen Soziopathie und Geschichtsbewältigung herantraut und, wenn auch keine Antworten, so doch wenigstens Ansätze liefert, die bedenkenswert sind. Über Jared Letos Joker-Darstellung will ich in diesem Zusammenhang hier aus Platzgründen nichts sagen, denn alleine das wäre einen eigenen Beitrag wert. Ebenso wenig kann ich hier die Diskussion eröffnen, ob es Regierungen, hier im Speziellen die Amerikanische, mit ihrer Willkür in der Beugung von Gesetzen nach dem Motto »der Zweck heiligt die Mittel« nicht zu leicht nehmen, denn dafür steht der Charakter Amanda Waller.
Da »Suicide Squad« direkt an »Batman vs. Superman: Dawn Of Justice« anschließt, den ich ebenfalls auf diesem Blog besprochen habe – zu Beginn des Films gibt es entsprechende Bilder von Supermans Beerdigung, spielt auch die Diskussion über die »Metawesen« und welche Gefahr von ihnen ausgeht, eine entscheidende Rolle. Dass aber auch Metawesen Menschen sind, wenngleich auch nur mit besonderen Fähigkeiten, wird hier geflissentlich außer Acht gelassen. Wie man sieht, eröffnet das DC Extended Universe hier eine Menge Spielräume für politsch wie gesellschaftlich sehr relevante Diskussionen und Auseinandersetzungen. Dass sie im Gewand der Unterhaltungsindustrie daherkommen, ist wohl dem Zeitgeist geschuldet. Diskutieren wir also über diese Filme, diskutieren wir auch über unsere Gesellschaft und damit sollten wir niemals aufhören, genauso wenig, wie wir niemals aufhören sollten, ins Kino zu gehen, denn Kino hat eine eindeutig politische Dimension.

Freitag, 5. August 2016

Dumm, dümmer, noch dümmer geht nümmer – Paul Feigs »Ghostbusters 2016«

Wenn man sich die Entwicklung der großen Kinofilmschmieden der letzten zehn bis fünfzehn Jahre ansieht, fällt eines unweigerlich jedem, auch jedem Nichtcineasten, auf, nämlich zum einen der Hang zum Sequels und Prequels und zum anderen der tumbe Trend zu Neuverfilmungen alter, längst hundertmal durchgekauter Stoffe. Nun, es mag Geschichten geben, die ein solches Remake vertragen, denen eine Neuinterpretation – wie es ja so oft in einer völligen Fehldeutung des Begriffs heißt – guttut und etwas Besonderes abgewinnen kann, aber leider sind das nur die wenigsten. 


Die meisten Stoffe, die bereits genial filmisch umgesetzt wurden und die eventuell auch ein totaler Reinfall waren – ja, auch solche Filme werden leider neu aufgelegt – sollte man nicht noch einmal anfassen, das kann und wird nur schiefgehen. Verdammt nochmal, haben die Filmschaffenden denn keine neuen Storys mehr parat? Gibt es keine neuen, faszinierenden Charaktere, die es wert wären, dass man ihre Geschichte erzählt? Oder fehlt es einfach an begabten, kreativen Schreiberlingen, die neue Ideen entwickeln und produzieren?

Quelle
Als ich davon hörte, und das ist ja schon ein paar Jahre her, dass man »Ghostbusters« (I:1984 & II:1989) neu auflegen wollte, geriet ich zunächst in begreifliche Erregung. Ich bin wohl ein typisches Kind der 1980er Jahre und die Geisterjäger Dr. Peter Venkman (Bill Murray (*1950)), Dr. Raymond »Ray« Stantz (Dan Aykroyd (*1952)), Dr. Egon Spengler (Harold Ramis (1944-2014)) und Winston Zeddemore (Ernie Hudson (*1945)) gehörten neben Star Wars und Karl May zu meinen ersten jugendlichen Kinoerfahrungen. Sie avancierten bereits damals zum absoluten Kult und waren filmische »Heiligtümer«, die man nicht ungestraft anfassen durfte. Wir warteten alle sehnsüchtig auf einen dritten Teil, der nie kam. Vielleicht war das aber auch gut so, obwohl die Hoffnung nie völlig erlosch. Als dann Harold Ramis vor zwei Jahren viel zu früh plötzlich und überraschend starb, war das, glaube ich, für alle eingefleischten Fans des Franchise das ultimative Aus. Ohne Egon Spengler, so wussten wir, würde es keinen dritten Teil mehr geben – jedenfalls nicht im Realfilmbereich.


Umso ungewöhnlicher erschien noch im selben Jahr die Ankündigung eines dritten Teils, allerdings hielten wir die Meldung von einer rein weiblichen Ghostbusters-Truppe für eine Ente oder einen schlechten Witz. Doch Paul Feig (*1962), der US-amerikanische Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Autor machte keinen Witz – auch keinen schlechten. Er legte gemeinsam mit seiner Kollegin, der US-amerikanischen Drehbuchautorin, Improvisationskomikerin und Schauspielerin Katie Dippold (*1980) ein Drehbuch vor und ging alsbald an die Umsetzung. Aus den vertrauten vier Ghostbusters wurden nun Dr. Abigail »Abby« L. Yates (Melissa McCarthy (*1970)), Dr. Erin Gilbert (Kristen Wiig (*1973)), Dr. Jillian Holtzmann (Kate McKinnon (*1984)) und Patty Tolan (Leslie Jones (*1967)), die die Stammbesetzung in gewisser Weise spiegeln sollen, parodieren soll, wie auch immer, was trotz der beiden Letztgenannten, die immerhin zur Stammbesetzung der bekannten US-amerikanischen Comedy-Show »Saturday Night Live« (NBC seit 1975) gehören, weder rund läuft, noch nachvollziehbar ist. Kurz gesagt, es scheitert völlig.


In erster Linie liegt das wohl am Drehbuch und damit an der Story, am Plot selbst, der sehr eng am Original angelehnt ist und dennoch nicht im mindesten daran anschließen kann. Es reicht eben nicht aus, sehr viel mit Reminiszenzen aller Art zu arbeiten, was Schauplätze und Zitate betrifft, denn die eigentliche Handlung ist bisweilen so verworren und der Plot so gebrochen, dass man die Geschichte getrost als unwichtig hintenan stellen kann und sie auf ihre Logline reduzieren muss. Dabei fängt alles so vielversprechend an: Bei der Eingangsszene in dem Spukhaus kommt doch tatsächlich für einen kurzen Moment das alte Feeling wieder auf, doch es verfliegt sofort wieder ... Auch der Bösewicht Rowan North (Neil Casey), der stark der Figur des Dr. Janosz Poha (Peter MacNicol (*1954)) aus »Ghostbusters II« (1989) nachempfunden ist, hauptsächlich auch optisch, bleibt schwach bis nichtssagend. Die Begründung für das Auftauchen der Geister wirkt nebulös und wenig durchdacht, die mytho(un)logischen Grundlagen sind aufgesetzt und kaum glaubhaft. Der ganze Plot wirkt wie eine einsturzgefährdete Fassade ohne großartiges Innenleben – von Stringenz oder einer gewissen Logik mal ganz zu schweigen.


Da helfen auch keine speziellen Cameoauftritte fast des gesamten Casts aus den beiden ersten Filmen: Bill Murray als skeptischer Spezialist für das Übersinnliche Dr. Martin Heise, der von einem Geist ermordet wird, Dan Aykroyd als mürrischer Taxifahrer, Sigourney Weaver (*1949) als Rebecca Gorin, Mentorin von Jillian, Ernie Hudson als Bestattungsunternehmer und Onkel von Patty und Annie Potts (*1952) als Rezeptionistin im Hotel. Ebenso rettet auch ein aktueller Kinostar wie der Australier Chris Hemsworth (*1983) als vertrottelte »Empfangsdame« der Geisterjäger, der später von North’s Geist besessen ist, den Film nicht aus seiner Schlechtigkeit heraus; ganz nebenbei bemerkt sind Hemsworth’s komische Talente alles andere als ausgeprägt und er sollte solche Rollen lieber meiden. Seine Stärken liegen dann doch eher auf – sagen wir: anderen Gebieten.


Der Humor, und zwar der des ganzen Films – wenn man denn überhaupt von Humor sprechen kann – bleibt aufgesetzt und in seiner Plattheit komplett humorlos. Es gibt keine Witze, über die man herzlich lachen könnte, weil sie intelligent und einfallsreich sind, sondern sie entlocken einem nur ein müdes Augenrollen, wenn überhaupt, da sie einfach nur komplett dämlich sind. Slapstick findet sich nur in Ansätzen und diese Ansätze sind – nun ja, kein Slapstick. Trockene Einzeiler, die die Original erst wirklich interessant gemacht haben, Wortklamauk, sucht man hier ebenso vergeblich: Dumm, dümmer, dümmer geht's nümmer!


Das Einzige – und es bleibt das Einzige, womit dieses Machwerk überhaupt punkten kann, sind wohl die Spezialeffekte und die 3D-Effekte. Die Geister und Spukgestalten sind wirklich perfekt animiert und wenn dann so ein Gespenst volle Lotte ins Publikum rauscht, ist das schon sehenswert. Allerdings wird auch hier wenig wirklich Abwechslung geboten. Die Farbe grün herrscht vor und wenn gegen Ende der niedliche Zeichentrickgeist aus dem allbekannten Logo der Ghostbusters heraussteigt und in Anlehnung an den Riesen-Marshmallow-Mann des ersten Films zum bösartigen Alptraum avanciert, der letztlich durch ein simples Schweizer Taschenmesser besiegt werden kann, ist das nur ein Sinnbild für dieses ganze Filmvorhaben.


Fazit: Man hätte, wie ich bereits eingangs sagte, wohl besser die Finger von diesem Klassiker gelassen. Er ist zu sehr auf Melissa McCarthy zugeschnitten, die einen eigenwilligen, sehr geschmacksabhängigen Comedy-Stil propagiert, der einem einfach gefallen muss, um es mögen zu können. Ich persönlich halte McCarthy für grenzenlos überschätzt und keinesfalls massentauglich, denn bis jetzt hat sie mit keinem ihrer Filmauftritte die überzeugende Leistung aus »Taffe Mädels« (2013) an der Seite von Sandra Bullock (*1964) mehr erreichen können. Die übrigen Schauspieler bleiben blass und unbedeutend, man vergisst sie nur allzuschnell. 


Das Auftreten der Altstars sorgt zwar für eine gewisse Würze, ist aber nicht rettend und ein asischer Donnergott als vertrottelter Kevin (allein zuhaus?) ist schlicht und ergreifend peinlich. Allein die Spezialeffekte entschädigen etwas für den Preis, den man für den Eintritt bezahlt hat. Gottlob konnte ich diesen Film mit den Punkten von meiner Sammelkarte bezahlen, das schmerzt dann nicht so sehr. Beizeiten werden die Filmschmieden nicht mehr umhinkommen, eine ernsthafte Diskussion über die Remakemanie und den Prequel-Sequel-Wahn in den eigenen Reihen zu führen und auf die Suche nach neuen, kreativen Drehbuchautoren gehen müssen. Denn wenn das so weitergeht, wird es mit dem Kino eben nicht mehr lange weitergehen. Und mit dieser unschönen, düsteren Prognose will ich mich denn dann auch bescheiden.